Geliebte Brüder und Schwestern, liebe Hörerinnen und Hörer,
gestern wurde mir wieder einmal vorgeworfen, wir würden uns nicht ausreichend für obdachlose Menschen einsetzen. Ausgerechnet jetzt, wo wir eine neue Petition gestartet haben, um das Obdachlosenradio öffentlich zugänglich zu machen. Dieser Vorwurf hat mich nachdenklich gestimmt. Er zeigt mir, dass wir unseren Auftrag noch klarer erklären müssen.
Wenn wir in das Evangelium blicken, sehen wir eine Entwicklung bei Jesus selbst. Zu Beginn seines Wirkens sagte er noch, er sei nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Er konzentrierte sich zuerst auf das Naheliegende, auf die unmittelbare Not vor seiner Haustür. Doch sein Auftrag wuchs. Am Ende gab er seinen Jüngern den großen Befehl: „Gehet hin in alle Welt.“ Aus der lokalen Hilfe wurde ein universeller Auftrag, die Strukturen zu verändern und die Frohe Botschaft überallhin zu tragen.
Viele Menschen verwechseln uns mit einem klassischen Hilfswerk. Sie erwarten von uns die reine Akuthilfe auf der Straße – das Speisen der Hungrigen und Kleiden der Frierenden. Das ist ein wunderbarer, zutiefst christlicher Dienst, vergleichbar mit dem barmherzigen Samariter, der die Wunden des Verletzten am Straßenrand von Jericho verbindet. Diesen Dienst leisten andere Organisationen tagtäglich mit großem Respekt und unserem Segen.
Aber unser Auftrag ist, wie der spätere Auftrag Jesu, weiter gefasst. Wir kümmern uns nicht nur um den einzelnen Verletzten, sondern wir fragen: Wie machen wir die Straße von Jerusalem nach Jericho grundsätzlich sicher, damit überhaupt niemand mehr unter die Räuber fällt? Nun könnte man die gesamte Straße einfach mit Soldaten besetzen – das wäre reine Symptombekämpfung durch Druck und Kontrolle. Wahre politische Strukturarbeit aber sorgt dafür, dass die Ursachen von Armut und Not an der Wurzel gepackt werden.
Um es ganz konkret zu machen: Ich kümmere mich derzeit gerne mit einer Petition für die Sommeröffnungen darum, dass die Notquartiere auch in den heißen Monaten offen bleiben – genau so, wie uns das 2025 gelungen ist. Das ist mein Beitrag, das ist unsere politische Aufgabe. Aber ich werde dort weder in der Küche stehen und kochen, noch werde ich selbst ein Quartier eröffnen. Wir schaffen die Rahmenbedingungen und kämpfen auf politischer Ebene für das Recht der Betroffenen, damit die Hilfswerke ihre Arbeit tun können.
Bitte verwechseln Sie uns daher nicht mit der praktischen Sozialarbeit. Wir ersetzen sie nicht. Wir vertreten Interessen, wir bringen Petitionen ein, wir treten zu Wahlen an und wir geben den Menschen eine Stimme im System.
Es braucht in Gottes Weinberg beides: die Hände, die im Hier und Jetzt die Wunden heilen – und die Stimmen, die dafür kämpfen, dass Hilfe überhaupt dauerhaft möglich wird.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag im Herrn.




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