Was ist ein guter Ruf eigentlich wert, wenn selbst Jesus von seinen Gegnern verleumdet wurde?
Da hat mich gestern doch glatt jemand darauf hingewiesen, dass ich beim besten Willen kein Freimaurer sein könnte.
Warum?
Weil ich seiner Meinung nach keinen guten Ruf hätte.
Und ich dachte mir:
Kunststück!
Man sagt mir doch immer wieder alles Mögliche nach. Da werden Behauptungen aufgestellt, Geschichten erzählt und Urteile gefällt. Manches davon hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun.
Und dann begann ich nachzudenken.
Warum wird einem Menschen eigentlich so viel Übles nachgesagt?
Vielleicht, weil er unbequem ist. Weil er Dinge ausspricht, die andere nicht hören wollen. Weil er mit seinen Gedanken Menschen erreicht. Vielleicht auch aus Neid, aus Gegnerschaft oder einfach deshalb, weil jemand eine andere Meinung vertritt.
Natürlich kann Kritik auch berechtigt sein. Nicht jeder, der kritisiert wird, ist deshalb schon ein Opfer von Verleumdung.
Aber eines steht fest:
Was Menschen über jemanden erzählen, muss noch lange nicht wahr sein.
Und während ich darüber nachdachte, kam mir eine ganz andere Frage.
Hatte Jesus eigentlich einen guten Ruf?
Schauen wir uns doch einmal an, was die Bibel darüber berichtet.
Da ist ein Mann, dem Tausende Menschen folgen.
Bei der Speisung der Fünftausend versammeln sich gewaltige Menschenmengen um ihn.
Da ist ein Mann, der Kranke heilt, Menschen Hoffnung gibt und das Reich Gottes verkündigt.
Als Jesus nach Jerusalem kommt, wird er begeistert begrüßt.
Die Menschen rufen:
„Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn!“ (Matthäus 21,9)
Das klingt doch nach einem ausgezeichneten Ruf.
Oder etwa nicht?
Denn schauen wir uns die andere Seite an.
In Matthäus 11,19 lesen wir, was seine Gegner über Jesus behaupteten:
„Siehe, wie ist der Mensch ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder!“
Da haben wir es also.
Jesus wird beschimpft.
Man wirft ihm vor, mit den falschen Menschen Umgang zu haben.
Man macht aus seiner Nähe zu den gesellschaftlich Ausgegrenzten einen Vorwurf.
Und es geht noch weiter.
In Johannes 8,48 wird Jesus von seinen Gegnern sogar vorgeworfen, er sei ein Samariter und habe einen bösen Geist.
In Markus 3,22 behaupten Schriftgelehrte, er treibe Dämonen durch den Obersten der Dämonen aus.
Man stelle sich das einmal vor!
Da verkündigt ein Mensch das Reich Gottes, heilt Kranke und hilft Bedürftigen.
Und seine Gegner erklären ihn zum Werkzeug des Bösen.
Wie viel war sein guter Ruf unter diesen Menschen also wert?
Vom Hosianna zum Kreuzige ihn
Und dann kommt der entscheidende Augenblick.
Jesus steht vor Pilatus.
Die religiösen Führer, die seine Verurteilung betreiben, beeinflussen die versammelte Menge.
In Markus 15,11 heißt es:
„Aber die Hohenpriester reizten das Volk auf, dass er ihnen viel lieber den Barabbas losgäbe.“
Und schließlich ertönt der Ruf:
„Kreuzige ihn!“
Natürlich wissen wir nicht, ob es dieselben Menschen waren, die Jesus zuvor beim Einzug in Jerusalem begeistert begrüßt hatten.
Auch waren keineswegs alle Pharisäer Gegner Jesu.
Aber das Entscheidende bleibt:
Die öffentliche Meinung konnte sich gegen Jesus richten.
Seine guten Taten schützten ihn nicht vor Verleumdung.
Seine Verkündigung schützte ihn nicht vor Ablehnung.
Und seine Unschuld schützte ihn nicht vor der Kreuzigung.
Da frage ich mich:
Hatte Jesus nun einen guten Ruf oder nicht?
Bei seinen Anhängern sicherlich.
Bei seinen Gegnern ganz offensichtlich nicht.
Und bei der Menge, die seine Kreuzigung forderte, war von Achtung und Anerkennung wenig zu erkennen.
Wer entscheidet eigentlich über unseren Ruf?
Und damit kommen wir zurück zu unserer Ausgangsfrage.
Was bedeutet es eigentlich, wenn eine Gesellschaft verlangt, dass jemand einen guten Ruf besitzen müsse?
Wer entscheidet darüber?
Die Menschen, denen er geholfen hat?
Die Menschen, die seine Arbeit schätzen?
Oder vielleicht diejenigen, die ihn bekämpfen?
Kann ein Mensch einen guten Ruf haben, wenn seine Gegner nur laut genug gegen ihn auftreten?
Und kann ein Mensch einen schlechten Ruf bekommen, obwohl die Vorwürfe gegen ihn unwahr sind?
Natürlich!
Genau deshalb müssen wir zwischen zwei Dingen unterscheiden:
Dem Ruf eines Menschen und seinem tatsächlichen Verhalten.
Ein Mensch kann überall beliebt sein und trotzdem Unrecht tun.
Ein anderer kann öffentlich angefeindet werden und trotzdem gerecht handeln.
Die Bibel zeigt uns diesen Unterschied immer wieder.
In Jesaja 5,20 lesen wir:
„Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen!“
Das ist eine ernste Warnung.
Denn nicht alles, was gesellschaftlich anerkannt wird, ist deshalb schon gut.
Und nicht alles, was gesellschaftlich abgelehnt wird, ist deshalb schon böse.
Würde Jesus heute aufgenommen werden?
Und jetzt stellen wir uns einmal eine ungewöhnliche Situation vor.
Jesus lebt heute unter uns.
Er zieht durch unsere Städte.
Er spricht mit Obdachlosen, mit Menschen am Rand der Gesellschaft, mit Sündern und mit all jenen, mit denen anständige Leute angeblich nichts zu tun haben sollten.
Er kritisiert religiöse Heuchelei.
Er stellt die Mächtigen infrage.
Er fordert die Menschen auf, umzukehren.
Und dann möchte er Mitglied einer angesehenen Gesellschaft werden.
Einer Gesellschaft, die von ihren Mitgliedern einen guten Ruf verlangt.
Was würde wohl geschehen?
Vielleicht würde man zunächst im Internet nachsehen.
Und dort fände man die Vorwürfe seiner Gegner.
Ein Fresser.
Ein Weinsäufer.
Ein Freund der Sünder.
Ein Aufrührer.
Ein Gotteslästerer.
Ein Mann, der schließlich sogar zum Tode verurteilt wurde.
Und dann?
Würde man ihm erklären, dass er leider nicht über den erforderlichen guten Ruf verfügt?
Das ist natürlich ein Gedankenexperiment.
Aber eines, das uns etwas Wichtiges zeigt.
Wenn wir Menschen ausschließlich nach ihrem gesellschaftlichen Ansehen beurteilen, laufen wir Gefahr, gerade diejenigen abzulehnen, die das Richtige tun.
Gott sieht nicht auf den Ruf
In 1. Samuel 16,7 lesen wir:
„Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.“
Das ist der entscheidende Unterschied.
Menschen sehen das öffentliche Bild.
Sie hören Gerüchte.
Sie lesen Anschuldigungen.
Sie lassen sich von Mehrheiten beeinflussen.
Gott aber sieht, was tatsächlich in einem Menschen vorgeht.
Er sieht seine Absichten.
Er sieht seine Taten.
Und er kennt die Wahrheit.
Das bedeutet nicht, dass wir Menschen nicht prüfen sollten.
Im Gegenteil!
Wir sollen prüfen, ob Anschuldigungen berechtigt sind. Wir sollen auf das Verhalten eines Menschen achten und nicht einfach jede Behauptung übernehmen.
Denn auch Jesus sagte in Johannes 7,24:
„Richtet nicht nach dem Augenschein, sondern richtet ein gerechtes Gericht.“
Genau darum geht es.
Nicht um blindes Vertrauen.
Nicht darum, jeden Kritisierten automatisch für unschuldig zu erklären.
Sondern um Gerechtigkeit.
Eine Gesellschaft mit gutem Ruf?
Und damit sind wir wieder bei der Frage, die mich gestern beschäftigt hat.
Kann ich Mitglied einer Gesellschaft sein, die einen guten Ruf voraussetzt?
Das muss diese Gesellschaft nach ihren eigenen Regeln entscheiden.
Aber eine andere Frage erscheint mir wesentlich wichtiger:
Was ist eine Gesellschaft wert, die ihren guten Ruf dadurch bewahren möchte, dass sie Menschen nach Gerüchten und Vorurteilen beurteilt?
Eine wirklich ehrenwerte Gesellschaft sollte nicht nur auf den Ruf ihrer Mitglieder achten.
Sie sollte vor allem darauf achten, gerecht zu urteilen.
Sie sollte zwischen Tatsachen und Behauptungen unterscheiden.
Sie sollte Menschen nicht allein deshalb verurteilen, weil andere schlecht über sie sprechen.
Und sie sollte den Mut haben, auch einen unbequemen Menschen fair zu behandeln.
Denn das ist es, was wir aus dem Leben Jesu lernen können.
Nicht jeder, der gelobt wird, handelt gerecht.
Nicht jeder, der angefeindet wird, handelt falsch.
Und nicht jeder, der einen schlechten Ruf besitzt, hat diesen auch verdient.
Jesus selbst wurde verspottet, verleumdet und verurteilt.
Trotzdem blieb er seiner Aufgabe treu.
Er verkündigte das Reich Gottes.
Er tat den Willen seines Vaters.
Und er ließ sich von der Ablehnung seiner Gegner nicht davon abbringen.
Deshalb frage ich zum Schluss:
Wollen wir wirklich eine Gesellschaft sein, in der das Ansehen eines Menschen wichtiger ist als die Wahrheit?
Oder wollen wir eine Gesellschaft sein, in der Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Nächstenliebe zählen?
Denn letztlich entscheidet nicht der Beifall der Menschen darüber, ob wir vor Gott richtig handeln.
Sondern das, was wir tatsächlich tun.
Ein guter Ruf ist etwas Schönes. Ein gerechtes Herz aber ist ungleich mehr wert.
Amen.




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