
Liebe Gemeinde,
wenn wir die Apostelgeschichte Kapitel 21 aufschlagen, begegnet uns ein dramatischer Moment. Paulus wird im Tempel erkannt – und sofort bricht ein Tumult aus. Einige Juden aus der Provinz Asia werfen ihm vor, gegen das Volk, das Gesetz und den Tempel zu predigen.
„Ihr Männer von Israel, helft! Dies ist der Mensch, der überall alle gegen unser Volk, das Gesetz und diesen Ort lehrt.“ (Apg 21,28)
Ein schwerer Vorwurf. Und er klingt erschreckend vertraut, wenn wir an spätere Auslegungen denken – etwa bei Martin Luther, der im hohen Alter mit brutalen Worten gegen die Juden schrieb. Aber dürfen wir deshalb sagen: Schon Paulus war „antisemitisch“?
Nein.
Denn Paulus war selbst Jude. Und seine Kritik war innerjüdisch – Teil eines Ringens um Wahrheit, Glaube, Identität. Er wollte sein Volk nicht verurteilen, sondern für den Glauben an Christus gewinnen. In Römer 9–11 leidet er spürbar unter dem Bruch, der zwischen dem jungen Christusglauben und der Synagoge entstand.
Gleichzeitig bleibt da ein Spannungsverhältnis, das sich durch das Neue Testament zieht. Während Jesus noch mit dem Titel „König der Juden“ ans Kreuz geschlagen wird –
„Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“ (Joh 19,22) –
… entsteht in der jungen Kirche eine neue Bewegung, die zunehmend aus der jüdischen Herkunft herausgelöst wird.
Dieses Spannungsfeld ist nicht aufzulösen. Aber es ist wichtig, es nicht zu übertünchen – und nicht zu missbrauchen.
Denn aus dem Streit um den Messias wurde über Jahrhunderte eine Geschichte der Verachtung, Ausgrenzung, Gewalt – bis hin zur Schoah.
🕯️ Und darum ist es unsere Aufgabe heute:
Nicht die Bibeltexte zu beschönigen –
aber sie verantwortlich zu lesen.
Nicht „die Juden“ zu beschuldigen –
sondern unsere eigene Geschichte ehrlich anzuschauen.
Denn Jesus war Jude. Paulus war Jude.
Der Streit um Wahrheit ist kein Freibrief für Hass.



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