Ganz ehrlich, Freunde: Beziehungen können manchmal ausgesprochen merkwürdig sein.
von Hans-Georg Peitl
Da sagt ein Mensch: „Geh!“ – und ist erschrocken, wenn der andere tatsächlich geht. Ein anderer sagt: „Komm!“ – bekommt aber gleichzeitig Angst davor, was passieren könnte, wenn der andere wirklich kommt.
Und irgendwo dazwischen steht ein Mensch und fragt sich:
Äh … könnt ihr mir vielleicht vorher die Spielregeln erklären? Was genau soll ich denn jetzt tun?
Vielleicht liegt genau darin eines unserer größten Probleme miteinander.
Wir sagen erstaunlich selten genau das, was wir meinen. Stattdessen erwarten wir vom anderen, zwischen den Zeilen zu lesen. Ein „Lass mich in Ruhe“ kann bedeuten: „Bitte geh nicht.“ Ein „Ist schon in Ordnung“ kann heißen: „Überhaupt nichts ist in Ordnung.“ Und manchmal bedeutet ein „Nein“ tatsächlich einfach nur „Nein“.
Viel Spaß beim Herausfinden.
Denn wenn wir immer klar sagen würden, was wir denken und fühlen, wäre eine Beziehung vermutlich viel zu einfach.
Oder vielleicht wäre sie einfach nur ehrlicher.
Interessanterweise beschränkt sich dieses Verhalten nicht auf Partnerschaften. Wir machen es beinahe überall: in Familien, unter Freunden, am Arbeitsplatz und manchmal sogar in der Öffentlichkeit.
Wir hören nicht nur darauf, was jemand sagt. Wir beginnen sofort darüber nachzudenken, was er damit wohl „wirklich“ gemeint haben könnte.
Und damit entsteht ein bemerkenswertes Paradox:
Vielleicht ist die beste Methode, etwas vor anderen zu verbergen, manchmal tatsächlich, ihnen einfach die Wahrheit zu sagen.
Denn während wir sie offen aussprechen, sitzt unser Gegenüber bereits da und überlegt:
„Ja, schön. Aber was meint er wirklich?“
Vielleicht sollten wir deshalb wieder lernen, einander zunächst einmal zuzuhören.
Nicht dem vermuteten Satz hinter dem Satz.
Sondern dem Satz selbst.
Denn Beziehungen wären wahrscheinlich gar nicht so schwierig, wenn wir nicht ständig versuchen würden, Gedanken zu lesen.
Vielleicht beginnt Vertrauen genau dort, wo das Gedankenlesen aufhört.




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