Was eigentlich ist es, liebe Freunde, das es dem einen Menschen möglich macht, mit Kunstprojekten bekannt zu werden, während einem anderen einfach kein Einfall kommen will?
Was ist es, das den einen 25.000 Songs schreiben lässt, während sich ein anderer schwertut, auch nur einen einzigen zu schreiben?
Was ist es, das vor den Augen eines Menschen ganze Geschichten für Musicals entstehen lässt, während ein anderer über die Welt und das, was hinter ihr liegen könnte, kaum nachdenkt?
Was ist es, das einen Menschen im Diesseits suchen lässt, während ein anderer seinen Blick ausschließlich auf das Jenseits richtet?
Und was ist es, das dazu führt, dass einem Menschen seine Pläne niemals vollkommen unrealistisch erscheinen?
Zum Beispiel die Idee, ein gesamtes 24/7-Radio aus Eigenproduktion zu gestalten.
Oder die Vorstellung, 150 Bücher schreiben zu können.
Der eine sagt: „Das ist unmöglich.“
Der andere fragt: „Warum eigentlich?“
Und vielleicht liegt genau hier ein entscheidender Unterschied.
Talent allein erklärt es nicht
Wir sprechen gerne von Talent.
Jemand könne eben komponieren. Ein anderer könne schreiben. Ein Dritter könne organisieren, malen, bauen oder Menschen begeistern.
Doch erklärt das wirklich alles?
Talent mag erklären, warum jemand etwas besonders gut kann. Es erklärt aber noch lange nicht, warum jemand überhaupt damit beginnt.
Es erklärt nicht die Hartnäckigkeit.
Es erklärt nicht den Gedanken, nach dem hundertsten Lied noch ein hunderterstes zu schreiben.
Es erklärt nicht, warum jemand nach einem fertigen Buch bereits das nächste vor seinem inneren Auge sieht.
Und Talent erklärt schon gar nicht, warum ein Mensch an etwas weiterarbeitet, von dem ihm andere längst erklärt haben, dass es eigentlich unmöglich sei.
Vielleicht brauchen große Werke deshalb etwas Zweites.
Den Glauben daran, dass sie möglich sind.
Überheblichkeit oder Glaube?
Die einen nennen es Überheblichkeit.
Die anderen nennen es einfach Glauben.
Dabei liegt zwischen beiden durchaus ein Unterschied.
Überheblichkeit sagt:
„Ich bin größer als die anderen.“
Glaube sagt:
„Ich glaube, dass etwas möglich ist.“
Der Glaubende muss deshalb niemanden kleiner machen. Im Gegenteil: Er kann sogar davon ausgehen, dass auch andere Menschen Dinge vollbringen könnten, die sie sich selbst niemals zugetraut hätten.
Das eigentliche Hindernis ist dann möglicherweise gar nicht das fehlende Talent.
Vielleicht ist es manchmal nur jener kleine Satz:
„Das kann ich nicht.“
Denn wer von Anfang an überzeugt ist, dass er niemals 150 Bücher schreiben könnte, wird vermutlich tatsächlich keine 150 Bücher schreiben.
Nicht unbedingt deshalb, weil ihm die Fähigkeit dazu fehlt.
Sondern weil er das erste vielleicht niemals begonnen hat.
Talente wollen verwendet werden
Im Gleichnis von den anvertrauten Talenten erzählt Jesus von Menschen, denen Unterschiedliches gegeben wurde.
Entscheidend ist dabei nicht, dass alle dasselbe bekommen.
Entscheidend ist, was sie daraus machen.
Vielleicht besteht Talent deshalb nicht nur aus einer besonderen Begabung.
Vielleicht gehört dazu auch die Fähigkeit, Möglichkeiten zu sehen.
Wo andere eine Grenze sehen, sieht jemand eine Tür.
Wo andere sagen: „Das wurde noch nie gemacht“, fragt jemand: „Warum machen wir es dann nicht?“
Wo andere erklären, ein vollständig selbst produziertes 24-Stunden-Radio sei unrealistisch, beginnt jemand eben damit, ein solches Radio aufzubauen.
Nicht weil garantiert ist, dass alles funktioniert.
Sondern weil ohne den ersten Schritt garantiert überhaupt nichts entstehen würde.
„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes“
Und damit kommen wir zu einer weiteren Frage.
Wozu verwenden wir unsere Talente?
Nur um möglichst viel zu produzieren?
Nur um bekannt zu werden?
Nur damit irgendwann unser Name unter möglichst vielen Werken steht?
Dann wäre das Talent tatsächlich wenig mehr als eine persönliche Fähigkeit.
Christlich verstanden bekommt es jedoch eine andere Dimension.
„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit.“
Das Reich Gottes beginnt nicht irgendwann nach unserem Tod.
Es soll bereits hier sichtbar werden.
Im Umgang miteinander.
In Gerechtigkeit.
In Barmherzigkeit.
In Kunst.
In Musik.
In Büchern.
In Gedanken.
Und heute vielleicht sogar in einem Radio, das rund um die Uhr sendet.
Denn „Gehet hin in alle Welt“ bedeutete niemals, darauf zu warten, dass die Welt zu uns kommt.
Es bedeutete hinauszugehen.
Früher ging man dafür über Straßen, durch Städte und über Meere.
Heute führen manche dieser Wege durch Kabel, Funknetze und das Internet.
Vielleicht ist das das eigentliche Talent
Vielleicht besteht das größte Talent daher gar nicht darin, besonders gut schreiben, komponieren oder organisieren zu können.
Vielleicht besteht es darin, eine Möglichkeit zu erkennen, wo andere nur Unmöglichkeit sehen.
Eine Idee ernst zu nehmen.
Sie zu beginnen.
Nach einem Scheitern noch einmal anzufangen.
Und nach dem hundertsten Werk nicht zu sagen:
„Jetzt reicht es.“
Sondern:
„Was kommt als Nächstes?“
Natürlich kann man das für Größenwahn halten.
Man kann es für unrealistisch halten.
Man kann darüber lachen.
Doch beinahe alles, was Menschen geschaffen haben, war irgendwann zunächst nur der Gedanke eines einzelnen Menschen.
Die entscheidende Frage lautet daher vielleicht gar nicht:
„Wie viele Talente habe ich bekommen?“
Sondern:
„Was mache ich mit denen, die ich bekommen habe?“




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