Im Frankfurt des 17. Jahrhunderts war das kirchliche Leben fest geordnet. Gottesdienste wurden gehalten, Predigten gesprochen und Sakramente verwaltet. Doch manche Christen empfanden, dass die äußere Ordnung allein nicht genügte. Sie suchten nach einem Glauben, der nicht nur am Sonntag bekannt, sondern im täglichen Leben sichtbar wurde.
Einer der bedeutendsten Erneuerer dieser Zeit war Philipp Jakob Spener. Er wurde 1666 nach Frankfurt berufen und begann wenige Jahre später mit sogenannten „Collegia Pietatis“. Das waren Zusammenkünfte außerhalb des gewöhnlichen Gottesdienstes, bei denen gemeinsam in der Bibel gelesen, gebetet und über die praktische Umsetzung des Glaubens gesprochen wurde.
Es ging dabei um eine einfache, aber herausfordernde Frage:
Was nützt ein christliches Bekenntnis, wenn es das Leben eines Menschen nicht verändert?
Eine Gemeinschaft im Saalhof
Ein Teil dieser Erneuerungsbewegung versammelte sich im historischen Saalhof am Frankfurter Mainufer. Zu diesem Kreis gehörten unter anderem Johanna Eleonora von Merlau, die Witwe Juliane Baur von Eysseneck, Johann Wilhelm Petersen, Johann Jakob Schütz und Franz Daniel Pastorius.
Johann Jakob Schütz war Jurist, Liederdichter und ein früher Förderer der pietistischen Versammlungen. Von ihm stammt das bis heute bekannte Lied „Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“. Seine Frömmigkeit blieb nicht auf schöne Worte beschränkt. Für ihn musste sich der Glaube im persönlichen Verhalten und in der Verantwortung gegenüber anderen Menschen zeigen.
Die Saalhof-Pietisten lasen gemeinsam die Bibel, beteten und beschäftigten sich besonders mit der Wiederkunft Jesu sowie der kommenden Herrschaft Gottes. Sie glaubten, dass Christen nicht einfach in den Gewohnheiten ihrer Zeit aufgehen dürften.
Damit gerieten sie zunehmend in Spannung zur bestehenden Amtskirche. Ab dem Advent 1676 hielten einige Mitglieder kaum noch Verbindung zur Frankfurter lutherischen Kirche. Sie wollten ihren Glauben nicht von kirchlichen Ämtern oder gesellschaftlicher Anerkennung abhängig machen.
Diese Trennung kann man kritisch betrachten. Dennoch bleibt ihre grundlegende Frage bis heute berechtigt:
Folgen wir wirklich Jesus – oder folgen wir lediglich einer religiösen Gewohnheit?
Die Begegnung mit William Penn
Im Jahr 1677 kam der Quäker William Penn nach Frankfurt. Er warb für eine neue Gesellschaft in Pennsylvania, in der Menschen unterschiedlicher christlicher Überzeugungen friedlich leben und ihren Glauben frei ausüben sollten.
Die Saalhof-Pietisten sahen darin eine mögliche Antwort auf ihre Suche. Sie erwogen, Europa zu verlassen und in Amerika eine Gemeinschaft aufzubauen, in der Glaubensfreiheit, Nächstenliebe und verantwortliches Zusammenleben verwirklicht werden konnten.
Aus diesem Umfeld entstand die Frankfurter Landkompanie. Kaufleute und Glaubensfreunde erwarben zunächst 15.000 Acres Land in Pennsylvania. Zu den beteiligten Familien gehörten auch Daniel Behaghel und Jacobus van der Walle. Sie stellten Kapital bereit, während Franz Daniel Pastorius als Beauftragter nach Amerika reiste.
Die meisten Mitglieder der Gesellschaft blieben schließlich in Europa. Aber Pastorius setzte das gemeinsame Vorhaben fort. Zusammen mit dreizehn quäkerischen und mennonitischen Familien aus Krefeld gründete er 1683 Germantown, die erste dauerhafte deutsche Ansiedlung in Pennsylvania.
Damit wurde aus einer kleinen christlichen Versammlung im Frankfurter Saalhof eine Bewegung, deren Auswirkungen bis nach Amerika reichten.
Glaube braucht Hände
Die Saalhof-Pietisten waren keine vollkommenen Menschen. Auch unter ihnen gab es Streit, unterschiedliche Lehren und Erwartungen, die sich nicht so erfüllten, wie manche gehofft hatten. Einige ihrer Entscheidungen können und müssen aus heutiger Sicht hinterfragt werden.
Doch sie verstanden etwas, das in jeder Generation neu gelernt werden muss:
Glaube darf nicht unter dem Scheffel verborgen bleiben.
Wer an Jachwe glaubt und Jesus nachfolgt, kann sich nicht dauerhaft damit zufriedengeben, nur über Wahrheit zu sprechen. Wahrheit will gelebt werden. Hungrige brauchen Nahrung, Verfolgte brauchen Schutz und Menschen ohne Heimat brauchen einen Ort, an dem sie in Frieden leben können.
Die Saalhof-Pietisten verbanden Gebet mit Planung, Bibellesen mit wirtschaftlicher Verantwortung und Glaubensfreiheit mit der Bereitschaft, etwas Eigenes aufzubauen. Die einen gingen, die anderen finanzierten das Vorhaben. Nicht jeder musste dieselbe Aufgabe übernehmen, aber jeder konnte seinen Teil beitragen.
Genau darin liegt ihre bleibende Botschaft:
Ein Werk Gottes entsteht selten durch einen Menschen allein. Es braucht Menschen, die beten, Menschen, die planen, Menschen, die geben, und Menschen, die schließlich den ersten Schritt in ein unbekanntes Land wagen.
Was bleibt von den Saalhof-Pietisten?
Die Versammlungen im Saalhof bestehen längst nicht mehr. Die beteiligten Familien zerstreuten sich, und viele ihrer Namen sind heute beinahe vergessen. Doch Germantown blieb bestehen. Aus dem Gedanken einer kleinen Glaubensgemeinschaft entstand ein sichtbarer Teil der deutsch-amerikanischen Geschichte.
Das zeigt uns: Wir können zu Lebzeiten oft nicht erkennen, wie weit die Wirkung eines Werkes reichen wird.
Vielleicht beginnt es mit einigen Menschen in einem Zimmer. Vielleicht wird es von der Umgebung belächelt oder bekämpft. Vielleicht können nicht einmal alle Beteiligten den geplanten Weg selbst gehen.
Wenn aber jeder das tut, was ihm möglich ist, kann Jachwe aus einem kleinen Anfang etwas entstehen lassen, das Generationen überdauert.
Die Saalhof-Pietisten erinnern uns deshalb daran:
Christlicher Glaube ist nicht nur eine Überzeugung. Er ist der Mut, aus dieser Überzeugung heraus zu handeln.




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