Ist es unbiblisch, Bundespräsident werden zu wollen?

Von Hans-Georg Peitl

Liebe Freunde!

Da war er wieder. Dieser alte Vorwurf.

„Du willst zum österreichischen Bundespräsidenten kandidieren? Das ist doch nicht biblisch!“

Ach ja?

Dann schauen wir uns doch einmal an, was eigentlich biblisch ist.

Denn eines möchte ich gleich vorwegnehmen: Ich halte überhaupt nichts davon, wenn Christen ihren Glauben als Begründung dafür verwenden, sich aus der Verantwortung für diese Welt zurückzuziehen.

Und genau da beginnt für mich das Problem mit der Vorstellung, ein Christ müsse sich grundsätzlich aus der Politik heraushalten.

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes

In Matthäus 6,33 lesen wir:

„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“

Ein wunderbarer Satz.

Aber was bedeutet er?

Dass ich mich irgendwo hinsetze, die Hände falte und darauf warte, dass das Reich Gottes eines Tages vom Himmel fällt?

Oder dass ich tatsächlich danach trachte?

Also danach strebe, mich dafür einsetze, etwas dafür unternehme?

Ich persönlich verstehe darunter einen Auftrag.

Und zwar einen Auftrag, der nicht erst nach meinem Tod beginnt.

Denn ich lebe heute. Hier auf dieser Erde. Unter Menschen, die Sorgen haben, die arbeiten müssen, die krank werden, die ihre Wohnungen verlieren und die sich manchmal nicht einmal mehr das tägliche Leben leisten können.

Warum sollte ausgerechnet diese Welt von meinem Bemühen um Gottes Gerechtigkeit ausgenommen sein?

Natürlich ist das Reich Gottes mehr als ein politisches System. Es lässt sich weder durch eine Wahl gewinnen noch durch einen Parlamentsbeschluss herstellen.

Aber daraus folgt doch nicht, dass mir die Lebensbedingungen meiner Mitmenschen gleichgültig sein sollen.

Was ist mit der politischen Neutralität?

Die Zeugen Jehovas vertreten bekanntlich die Auffassung, dass Christen politisch neutral bleiben sollten.

Sie berufen sich dabei unter anderem auf Johannes 18,36:

„Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“

Nun, darüber können wir gerne diskutieren.

Denn Jesus sagt damit zunächst, dass sein Königtum nicht aus den Machtverhältnissen dieser Welt stammt.

Aber sagt er auch, dass ein Christ deshalb niemals politische Verantwortung übernehmen darf?

Ich kann das aus diesem Satz nicht herauslesen.

Gerade innerhalb der Bibelforschertradition gibt es unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie sich das Reich Gottes zur gegenwärtigen Welt verhält.

Und auch wir bei Living Hands beschäftigen uns mit diesen Fragen.

Für mich ist entscheidend, dass Glaube nicht nur aus dem Warten auf eine bessere Zukunft bestehen darf.

Er muss sich auch in der Gegenwart bewähren.

An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen

In Matthäus 7,16 sagt Jesus:

„An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“

Ein Satz, der mich seit vielen Jahren begleitet.

Denn ich frage mich: Wo sollen diese Früchte eigentlich herkommen, wenn ich gar nicht bereit bin, etwas zu tun?

Wenn ich mich aus allen gesellschaftlichen Fragen heraushalte?

Wenn ich sehe, dass Menschen in Armut leben, und erkläre, die Politik gehe mich als Christen nichts an?

Natürlich kann ein Christ auch außerhalb der Politik unendlich viel Gutes bewirken.

Durch persönliche Hilfe, durch Seelsorge, durch soziale Arbeit, durch Musik und durch die Verkündigung.

Aber warum sollte ausgerechnet die politische Arbeit davon ausgeschlossen sein?

Die Politik entscheidet über Gesetze, soziale Leistungen, Arbeitsbedingungen, Gesundheitsversorgung und die Möglichkeiten, wie Menschen miteinander leben.

Wenn ich mich für Gerechtigkeit einsetzen möchte, kann ich doch nicht so tun, als hätte das alles mit meinem Glauben nichts zu tun.

Radio Roshen, Trio H.A.S. und Gemini 2000

Eigentlich erlebe ich diese Frage jeden Tag bei meiner eigenen Arbeit.

Mit Radio Roshen betreiben wir ein christlich geprägtes Internetradio, das rund um die Uhr sendet.

Mit dem Trio H.A.S. entstehen Lieder, in denen Glaube, Hoffnung, Liebe und das menschliche Leben ihren Platz finden.

Und mit Gemini 2000 gehen wir musikalisch auch ungewöhnliche Wege, experimentieren mit neuen technischen Möglichkeiten und versuchen, Menschen zu erreichen, die vielleicht mit einer klassischen Predigt gar nichts anfangen könnten.

Was haben diese Projekte gemeinsam?

Sie sind Versuche, etwas zu bewirken.

Nicht nur über den Glauben zu reden, sondern ihn in unterschiedlichen Formen hörbar und erlebbar zu machen.

Dabei muss nicht jedes Lied ausdrücklich von Jesus handeln, um einen Menschen zum Nachdenken zu bringen.

Manchmal genügt ein Text über Einsamkeit, über Frieden oder über die Hoffnung, dass morgen etwas besser werden könnte.

Und wenn ich mit Radio Roshen Menschen erreiche, die sonst vielleicht niemanden haben, der ihnen zuhört, dann sehe ich auch darin einen Teil meines christlichen Auftrags.

Warum sollte dieser Auftrag plötzlich enden, sobald ich mich mit Politik beschäftige?

Ist Politik etwas anderes als Nächstenliebe?

Nehmen wir mein Projekt Arbeitswelt.

Darin beschäftige ich mich mit der Frage, wie wir Menschen ihre Existenzangst nehmen könnten.

Wie wir Arbeit so gestalten könnten, dass sie nicht mehr ausschließlich dem Überleben dient.

Wie wir verhindern könnten, dass jemand, der keine Arbeit findet, deshalb automatisch in Armut gerät.

Ob mein Wirtschaftsmodell tatsächlich funktioniert, müssen wir noch sorgfältig berechnen.

Aber die Frage, die dahintersteht, ist doch eine zutiefst menschliche:

Wie können wir eine Gesellschaft schaffen, in der niemand um seine Existenz fürchten muss?

Ist das etwa unchristlich?

Ist es unbiblisch, wenn ich mich darum bemühe, dass Menschen ein Dach über dem Kopf haben?

Dass sie genug zu essen haben?

Dass Kranke versorgt werden?

Dass ältere Menschen in Würde leben können?

In Matthäus 25 spricht Jesus ausdrücklich davon, Hungrigen zu essen, Durstigen zu trinken und Fremden Aufnahme zu geben.

Ich kann darin jedenfalls keinen Auftrag erkennen, gesellschaftliche Verantwortung grundsätzlich abzulehnen.

Trennung von Kirche und Staat

Nun werden manche einwenden, dass Kirche und Staat getrennt bleiben müssen.

Hier möchte ich etwas unterscheiden.

Ich fordere keinen Staat, der den Menschen einen bestimmten Glauben vorschreibt.

Ich möchte auch keinen Bundespräsidenten, der entscheidet, welcher Bürger richtig glaubt und welcher nicht.

Religionsfreiheit gehört für mich selbstverständlich dazu.

Aber ich halte nichts von der Vorstellung, dass ein Christ seine Überzeugungen an der Tür zum Parlament abgeben müsste.

Ein gläubiger Mensch darf sich ebenso politisch engagieren wie ein Atheist.

Und wenn christliche Werte wie Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Verantwortung meine politischen Vorstellungen beeinflussen, dann sehe ich darin keinen Widerspruch zur Demokratie.

Entscheidend ist, dass die staatlichen Regeln für alle Menschen gelten, unabhängig von ihrem Glauben.

Ein religiös neutraler Staat muss nicht aus religiös neutralen Menschen bestehen.

Und deshalb Bundespräsident?

Nun, liebe Freunde, ob ich tatsächlich einmal österreichischer Bundespräsident werde, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Ich selbst betrachte diese Möglichkeit mit einer gehörigen Portion Humor.

Aber darum geht es mir eigentlich gar nicht.

Es geht mir um die Frage, ob ich als Christ versuchen darf, politische Entwicklungen mitzugestalten.

Und meine Antwort lautet:

Ja.

Nicht weil ich glaube, das Reich Gottes durch eine Präsidentschaft errichten zu können.

Nicht weil ein Bundespräsident ein geistliches Amt hätte.

Sondern weil ich glaube, dass christliche Verantwortung nicht an der Grenze zwischen Kirche und Staat aufhört.

Wenn ich durch eine Predigt etwas bewirken kann, dann predige ich.

Wenn ich durch ein Lied etwas bewirken kann, dann komponiere ich.

Wenn ich durch Radio Roshen Menschen erreichen kann, dann sende ich.

Und wenn ich durch politische Arbeit dazu beitragen kann, dass Menschen gerechter behandelt werden, dann sehe ich keinen Grund, warum ich es nicht versuchen sollte.

Glaube ohne Werke?

Jakobus 2,17 sagt:

„So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.“

Natürlich bedeutet das nicht, dass jeder Christ Politiker werden muss.

Der eine hilft einem Nachbarn. Der andere besucht Kranke. Wieder ein anderer unterrichtet Kinder, schreibt Bücher oder setzt sich für Menschen ohne Wohnung ein.

Es gibt viele Wege, Verantwortung zu übernehmen.

Aber ich möchte mir nicht einreden lassen, dass ausgerechnet mein Versuch, gesellschaftliche Verhältnisse zu verbessern, dem christlichen Glauben widersprechen soll.

Für mich gehört das zusammen.

Der Glaube gibt mir die Richtung.

Die Nächstenliebe gibt mir den Auftrag.

Und meine Fähigkeiten bestimmen mit, auf welchem Weg ich versuche, diesen Auftrag zu erfüllen.

Ob als Pastor, Musiker, Radiobetreiber, Autor oder vielleicht eines Tages als Bundespräsident.

Denn am Ende wird man mich nicht daran messen müssen, welche Titel ich getragen habe.

Sondern daran, welche Früchte meine Arbeit hervorgebracht hat.

Und deshalb bleibe ich bei Matthäus 6,33:

„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit.“

Nicht irgendwann.

Nicht irgendwo.

Sondern hier und heute.

Hans-Georg Peitl

Ritter der schrägen Töne

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About OM-Pastor Hans-Georg Peitl

.) Herausgeber des Liberalen Boten .) ist Bundesvorsitzender der Plattform Obdachlose (PO) .) Präsident des Plattform Obdachlose - Presseclubs (POP) .) Seniorpastor der Living hands .) Rektor des Instituts Für Christliche Forschung (IFCF) Sitz: Haskovo/Bulgarien .) Autor zahlreicher Freimaurer-Bücher
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