Eine Predigt über Johannes 1,1–18, Genesis 1 und die Neuschöpfung des Menschen
Bibelwort: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ (Johannes 1,1; Luther 1912)
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Wenn wir die Bibel aufschlagen, finden wir gleich zu Beginn einen bemerkenswerten Satz:
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ (Genesis 1,1)
Und wenn wir das Johannesevangelium aufschlagen, begegnet uns eine erstaunlich ähnliche Formulierung:
„Im Anfang war das Wort.“
Ist das Zufall? Wohl kaum.
Johannes verwendet hier dieselbe Anfangsformel, die uns bereits aus dem ersten Buch Mose bekannt ist. Doch während Mose die Erschaffung der Welt beschreibt, führt uns Johannes in das Geheimnis Jesu Christi und der Neuschöpfung hinein.
Könnte es sein, dass Johannes uns nicht einfach noch einmal die erste Schöpfung erklären möchte, sondern die zweite Schöpfung verkündet?
1. Die erste Schöpfung – Gott spricht, und es geschieht
Im ersten Buch Mose begegnen wir einem Gott, der durch sein Wort erschafft.
„Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ (Genesis 1,3)
Gott spricht, und aus der Finsternis entsteht Licht. Aus dem Chaos entsteht Ordnung. Aus dem Unbelebten entsteht Leben.
Der Mensch wird schließlich nach dem Bilde Gottes geschaffen.
Doch diese erste Schöpfung bleibt nicht unversehrt. Die Sünde kommt in die Welt. Der Mensch entfernt sich von Gott. Die Gemeinschaft zwischen Schöpfer und Geschöpf wird gestört.
Und damit entsteht eine Frage, die sich durch die gesamte Heilige Schrift zieht:
Wie kann der Mensch wieder zu jener Gemeinschaft mit Gott zurückfinden, für die er ursprünglich geschaffen wurde?
2. Johannes beginnt eine neue Schöpfungsgeschichte
Johannes schreibt:
„In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.“ (Johannes 1,4)
Wieder begegnen uns die Begriffe Leben und Licht.
Es sind dieselben großen Themen, die bereits im Schöpfungsbericht eine entscheidende Rolle spielen.
Doch nun geht es nicht mehr allein um das Licht, das die sichtbare Welt erhellt.
Es geht um jenes Licht, das den Menschen innerlich verwandelt.
Johannes schreibt:
„Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht begriffen.“ (Johannes 1,5)
Hier erkennen wir den entscheidenden Unterschied.
In Genesis wird die Welt geschaffen. Im Johannesevangelium wird eine gefallene Welt mit dem Licht Gottes konfrontiert.
Die erste Schöpfung bringt den Menschen ins Dasein. Die zweite Schöpfung eröffnet ihm ein neues Leben mit Gott.
3. Das Wort wird Fleisch
Der Höhepunkt des Johannesprologs steht in Vers 14:
„Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“
Das ist eine gewaltige Aussage.
Gott bleibt nicht fern von seiner Schöpfung. Er begegnet ihr in Jesus Christus.
Während Gott im ersten Schöpfungsbericht durch sein Wort die Welt ins Dasein ruft, begegnet uns dieses Wort nun in menschlicher Gestalt.
Jesus Christus ist damit nicht einfach ein weiterer Prophet, der von Gott berichtet.
In ihm offenbart sich Gottes schöpferisches Handeln auf eine neue Weise.
Und genau hier liegt der Schlüssel zum Verständnis der zweiten Schöpfung.
Gott erschafft nicht noch einmal einen zweiten Adam aus dem Staub der Erde.
Er eröffnet durch Jesus Christus einen neuen Weg, auf dem der Mensch zu Gott zurückfinden kann.
4. Aus Geschöpfen werden Kinder Gottes
Besonders deutlich wird diese neue Schöpfung in Johannes 1,12–13:
„Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben; welche nicht von dem Geblüt noch von dem Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.“
Liebe Freunde!
Hier spricht Johannes ausdrücklich von einer neuen Geburt.
Der Mensch wird nicht noch einmal körperlich geboren. Er wird von Gott geboren.
Was bedeutet das?
In der ersten Schöpfung wird der Mensch zum Geschöpf Gottes.
In der Neuschöpfung wird er durch den Glauben zum Kind Gottes.
Es ist also nicht einfach eine Wiederholung dessen, was bereits geschehen ist.
Es ist eine neue Beziehung zwischen Gott und Mensch.
Und diese neue Beziehung wird nicht durch Abstammung, Nationalität, gesellschaftliche Stellung oder menschliche Leistung begründet.
Sie entsteht durch Gottes Gnade.
5. Paulus bestätigt die Neuschöpfung
Dass diese Auslegung nicht auf Johannes allein beschränkt bleibt, erkennen wir beim Apostel Paulus.
Er schreibt:
„Darum, ist jemand in Christo, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden!“ (2. Korinther 5,17)
Hier wird ausdrücklich von einer neuen Schöpfung gesprochen.
Und im ersten Korintherbrief stellt Paulus Adam und Christus einander gegenüber.
„Der erste Mensch, Adam, ward zu einer lebendigen Seele, und der letzte Adam zum Geist, der da lebendig macht.“ (1. Korinther 15,45)
Der erste Adam steht für den Beginn des menschlichen Lebens.
Christus, der letzte Adam, steht für das neue Leben, das Gott schenkt.
Damit ergänzen sich die Aussagen des Johannes und des Paulus.
Johannes verkündet das schöpferische Wort, das in Christus Fleisch wird.
Paulus erklärt, dass durch Christus eine neue Schöpfung beginnt.
6. Die zweite Schöpfung beginnt bereits heute
Mancher wird nun einwenden:
Aber spricht die Bibel nicht auch von einem neuen Himmel und einer neuen Erde?
Selbstverständlich!
In Offenbarung 21,1 lesen wir:
„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.“
Doch die Neuschöpfung beginnt nicht erst am Ende der Zeiten.
Sie beginnt bereits dort, wo ein Mensch Christus aufnimmt und durch ihn ein neues Leben empfängt.
Das Reich Gottes hat damit eine gegenwärtige und eine zukünftige Dimension.
Heute beginnt die Erneuerung des Menschen.
Am Ende steht die Vollendung der gesamten Schöpfung.
Was Johannes im Prolog ankündigt, findet in der Offenbarung seinen großen Abschluss.
7. Was bedeutet das für uns?
Liebe Schwestern und Brüder!
Wenn wir den Johannesprolog nur als Erklärung der ersten Schöpfung lesen, übersehen wir möglicherweise einen wesentlichen Teil seiner Botschaft.
Johannes will uns nicht lediglich sagen, dass das Wort schon am Anfang bei Gott war.
Er will uns auch zeigen, was geschieht, wenn dieses Wort in unsere Welt kommt.
Menschen empfangen Licht.
Menschen finden zum Leben.
Menschen werden Kinder Gottes.
Und damit beginnt etwas Neues.
Ein Mensch, der gestern noch ohne Hoffnung war, kann heute Hoffnung finden.
Ein Mensch, der sich von Gott entfernt hatte, kann zu ihm zurückkehren.
Ein Mensch, der von seiner Vergangenheit gefangen gehalten wurde, kann in Christus einen neuen Anfang finden.
Das ist die Botschaft der Neuschöpfung.
Nicht die Vernichtung des Menschen.
Nicht seine Ersetzung.
Sondern seine Erneuerung.
8. Im Anfang war das Wort – und am Ende wird alles neu
Die Bibel beginnt mit einer Schöpfung.
Und sie endet mit einer neuen Schöpfung.
Dazwischen steht Jesus Christus.
Der Johannesprolog bildet dabei eine wunderbare Brücke zwischen Genesis und Offenbarung.
In Genesis spricht Gott: Es werde Licht!
Bei Johannes erscheint Christus als das Licht der Menschen.
Und in Offenbarung 21,5 spricht Gott:
„Siehe, ich mache alles neu!“
So erkennen wir eine große Linie durch die Heilige Schrift.
Gott erschafft.
Gott erlöst.
Gott erneuert.
Der Johannesprolog ist deshalb nicht nur ein Zeugnis vom ewigen Wort Gottes. Er ist zugleich eine Botschaft vom Beginn der neuen Schöpfung.
Und diese neue Schöpfung beginnt nicht irgendwo in unerreichbarer Ferne.
Sie beginnt im Leben jener Menschen, die Christus aufnehmen.
Darum, liebe Freunde, lautet die entscheidende Frage nicht nur:
Wie hat Gott einst die Welt erschaffen?
Sondern:
Sind wir selbst bereits Teil jener neuen Schöpfung geworden, die Gott durch Jesus Christus begonnen hat?
Amen.
Jachwe – Christliche Gedanken zur Heiligen Schrift
Weiterführende Bibelstellen: Genesis 1,1–5; Johannes 1,1–18; Johannes 3,3–8; 1. Korinther 15,45–49; 2. Korinther 5,17; Galater 6,15; Offenbarung 21,1–5.




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