Mussten die Jünger Jesu alle dieselbe Meinung haben? Mussten sie politisch gleich denken, aus derselben Gesellschaftsschicht stammen oder dieselben Vorstellungen vom Leben besitzen?
Wer sich die zwölf Apostel genauer ansieht, wird feststellen: Davon kann kaum die Rede sein.
Jesus Christus versammelte keine Gruppe gleichgesinnter Menschen um sich, sondern Männer mit unterschiedlichen Berufen, Charakteren und gesellschaftlichen Hintergründen.
Und genau das macht diese Gemeinschaft so bemerkenswert.
Ein Zöllner und ein Zelot
Betrachten wir zunächst zwei der Jünger: Matthäus und Simon.
Matthäus war Zöllner. Er gehörte damit einer Berufsgruppe an, die im damaligen jüdischen Volk häufig verachtet wurde. Zöllner arbeiteten innerhalb des römischen Herrschaftssystems und wurden nicht selten mit Ausbeutung und Ungerechtigkeit in Verbindung gebracht.
Simon hingegen wird in Lukas 6,15 als Zelot bezeichnet.
Die Bezeichnung wird häufig mit jüdischen Kreisen in Verbindung gebracht, die sich gegen die römische Fremdherrschaft stellten. Ob Simon tatsächlich einer organisierten politischen Widerstandsbewegung angehörte, lässt sich aus der Bibel allerdings nicht sicher feststellen.
Dennoch ist die Gegenüberstellung bemerkenswert.
Auf der einen Seite ein Mann, dessen Beruf mit dem bestehenden Herrschaftssystem verbunden war. Auf der anderen Seite ein Mann, dessen Beiname möglicherweise auf eine völlig andere politische Haltung hinweist.
Und beide wurden von Jesus berufen.
Jesus fragte offenbar nicht zuerst nach der politischen Herkunft eines Menschen, sondern danach, ob dieser bereit war, ihm nachzufolgen.
Petrus – ein Mann der schnellen Entscheidungen
Petrus war Fischer. Ein Mann, der nicht immer lange überlegte, bevor er handelte.
Als Jesus über das Wasser ging, wollte Petrus selbst zu ihm hinausgehen (Matthäus 14,28–29).
Als Jesus verhaftet wurde, griff Petrus zum Schwert (Johannes 18,10).
Und später verleugnete derselbe Petrus seinen Herrn dreimal.
Ein Mann voller Widersprüche.
Dennoch spielte Petrus innerhalb der ersten christlichen Gemeinde eine bedeutende Rolle.
Jesus erwartete offenbar keine fehlerlosen Menschen. Er berief Menschen, die lernen, sich verändern und Verantwortung übernehmen konnten.
Thomas – der Mann, der Beweise verlangte
Thomas wiederum wollte sich nicht einfach auf die Aussagen anderer verlassen.
Als die übrigen Jünger berichteten, Jesus sei auferstanden, verlangte Thomas eigene Gewissheit.
Johannes 20,25 berichtet von seiner Forderung, die Wundmale Jesu sehen und berühren zu können.
Thomas war damit keineswegs einfach nur ein schlechter Jünger.
Er war ein Mensch, der verstehen wollte, bevor er glaubte.
Jesus begegnete seinen Zweifeln und gab ihm Gelegenheit, sich zu überzeugen.
Auch darin liegt eine wichtige Botschaft: Eine Gemeinschaft muss Fragen und Zweifel aushalten können.
Selbst unter den Jüngern gab es Streit
Wie wenig die Jünger tatsächlich eine vollkommen harmonische Gemeinschaft bildeten, zeigt Lukas 22,24:
„Es erhob sich auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen als der Größte gelten solle.“
Da saßen also Menschen zusammen, die Jesus persönlich berufen hatte, und stritten darüber, wer von ihnen den höchsten Rang einnehmen sollte.
Das klingt erstaunlich menschlich.
Auch die Bitte der Söhne des Zebedäus um bevorzugte Plätze im kommenden Reich führte zu Unmut unter den übrigen Jüngern (Markus 10,35–41).
Jesus reagierte darauf nicht mit der Forderung, dass künftig niemand mehr eine eigene Meinung haben dürfe.
Er erklärte vielmehr, dass Größe im Reich Gottes nicht durch Herrschaft über andere entsteht, sondern durch Dienst am Mitmenschen.
Was hielt diese unterschiedlichen Menschen zusammen?
Es war weder eine gemeinsame Berufsausbildung noch eine einheitliche gesellschaftliche Herkunft.
Es war auch keine politische Partei.
Es war die gemeinsame Nachfolge Jesu und seine Botschaft vom Reich Gottes.
Die Jünger mussten lernen, persönliche Interessen hinter eine größere Aufgabe zurückzustellen.
Dabei verloren sie nicht automatisch ihre individuellen Eigenschaften.
Petrus blieb Petrus. Thomas blieb Thomas. Matthäus brachte seine eigene Vergangenheit mit.
Ihre Unterschiede verschwanden nicht einfach. Entscheidend war, wie sie miteinander umgingen und welchem Ziel sie dienten.
Was bedeutet das für unsere heutige Gesellschaft?
Wir erleben heute immer wieder, dass Menschen aufgrund ihrer politischen Überzeugungen voneinander getrennt werden.
Der eine bezeichnet sich als konservativ, der andere als liberal. Ein Dritter sieht sich als sozial orientiert, ein Vierter als ökologisch engagiert.
Doch müssen diese Menschen deshalb zwangsläufig Gegner sein?
Können nicht ein konservativer Mensch und ein sozial denkender Mensch gemeinsam gegen Armut auftreten?
Können nicht ein wirtschaftlich liberaler Mensch und ein überzeugter Umweltschützer gemeinsam daran arbeiten, die Lebensbedingungen ihrer Mitmenschen zu verbessern?
Natürlich bestehen zwischen politischen Überzeugungen reale Unterschiede. Manche Vorstellungen widersprechen einander sogar grundsätzlich.
Aber daraus folgt nicht, dass jede Zusammenarbeit unmöglich sein muss.
Die Gemeinschaft der Jünger zeigt uns zumindest eines: Unterschiedliche Menschen können eine gemeinsame Aufgabe übernehmen, ohne zuvor in jeder Frage übereinzustimmen.
Jesus suchte keine Gleichförmigkeit
In Johannes 13,35 erklärte Jesus:
„Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“
Nicht die Gleichheit ihrer Berufe sollte die Jünger kennzeichnen.
Nicht ihre gesellschaftliche Stellung.
Und auch nicht eine nachweisbar identische politische Überzeugung.
Sondern ihre Liebe zueinander.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Denn Einigkeit bedeutet nicht zwangsläufig Gleichförmigkeit.
Eine Gemeinschaft kann aus sehr unterschiedlichen Menschen bestehen und trotzdem gemeinsam handeln.
Entscheidend ist, ob die Beteiligten bereit sind, einander zu respektieren und Verantwortung füreinander zu übernehmen.
Schlussgedanke
Vielleicht sollten wir uns heute häufiger daran erinnern, wen Jesus damals an seinen Tisch holte.
Fischer, einen Zöllner, einen Mann namens Simon, der als Zelot bezeichnet wurde, einen zweifelnden Thomas und einen impulsiven Petrus.
Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten und Eigenschaften.
Sie stritten, zweifelten, machten Fehler und fanden dennoch immer wieder zusammen.
Jesus gründete keine Gemeinschaft, in der alle Menschen gleich waren. Er schuf eine Gemeinschaft, in der unterschiedliche Menschen lernen sollten, gemeinsam dem Reich Gottes zu dienen.
Und vielleicht ist gerade das eine der wichtigsten Lehren, die wir aus der Geschichte der zwölf Jünger für unsere heutige Gesellschaft ziehen können.
Jachwe – Gedanken über Glauben, Menschlichkeit und das Reich Gottes




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