Ist es bereits rechtsextrem, wenn man sich für die Bevölkerung des eigenen Landes einsetzt? Eine Frage über Armut, Nächstenliebe und einen bemerkenswerten Widerspruch in unserer politischen Debatte.
Da hält man uns also bis heute vor, dass wir uns im Jahr 2011 bei einer Demonstration gegen die neue Armut in Europa engagieren wollten.
Ein Thema, das wir damals mit dem Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) und der Solidarwerkstatt teilten. Beide Organisationen hatten wir übrigens tatsächlich eingeladen. Nicht die Nazis.
Was uns damals wichtig war, war eigentlich ganz einfach: Wir wollten verhindern, dass die Bevölkerung Österreichs zunehmend verarmt.
Eine Forderung, die man durchaus als sozialpolitisch bezeichnen könnte. Vielleicht sogar als links. Jedenfalls aber nicht automatisch als rechtsradikal.
Dennoch brachte uns das damals den Vorwurf einer Nähe zum Rechtsextremismus ein. Und das, obwohl bereits am 20. Oktober 2011 eine polizeiliche Mitteilung unsere Distanzierung von Rechtsextremen bestätigte.
Heute, 15 Jahre später, wird uns diese Geschichte noch immer vorgehalten.
Und deshalb möchte ich eine Frage stellen, die auf den ersten Blick ungeheuerlich erscheinen mag:
War Jesus ein Nazi?
Jesus und die verlorenen Schafe Israels
Im Matthäusevangelium finden wir eine bemerkenswerte Aussage:
Matthäus 15,24:
„Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“
Was für eine Aussage!
Jesus erklärt ausdrücklich, dass seine Sendung zunächst einem bestimmten Volk gilt. Nicht allen Völkern gleichermaßen, sondern dem Haus Israel.
Würde heute jemand erklären, er wolle sich zunächst um die Menschen seines eigenen Landes kümmern, könnte ihm schnell Nationalismus vorgeworfen werden.
Müssten wir also nach derselben Logik auch Jesus als Nationalisten betrachten?
Natürlich nicht.
Denn Jesus spricht hier von seinem besonderen Auftrag gegenüber Israel. Er erklärt weder andere Völker für minderwertig, noch spricht er ihnen die Menschenwürde ab.
Ganz im Gegenteil: Ausgerechnet in der Geschichte, in der dieser Satz fällt, hilft Jesus schließlich einer kanaanäischen Frau und erkennt ihren Glauben an.
Damit zeigt sich bereits etwas Entscheidendes:
Sich einer bestimmten Bevölkerung besonders verpflichtet zu fühlen, bedeutet nicht, andere Menschen abzulehnen.
War Jesus vielleicht Kommunist?
Nun könnte man allerdings auf einen ganz anderen Gedanken kommen.
Jesus kümmerte sich um Arme, Kranke, Hungernde und gesellschaftlich Ausgegrenzte.
Er warnte vor den Gefahren des Reichtums und forderte die Menschen auf, ihren Besitz mit Bedürftigen zu teilen.
In der Apostelgeschichte wird sogar von einer Gemeinschaft berichtet, in der die Gläubigen ihren Besitz miteinander teilten.
Das klingt doch beinahe nach Kommunismus!
Allerdings wäre auch diese politische Einordnung historisch falsch.
Jesus lebte lange vor Karl Marx, vor modernen Nationalstaaten und vor der Entstehung unserer heutigen politischen Ideologien.
Seine Botschaft lässt sich deshalb weder in eine rechte noch in eine linke Parteischublade stecken.
Sein Maßstab war ein anderer: die Liebe zu Gott und zum Mitmenschen.
Vom Volk Israel zur ganzen Welt
Besonders interessant wird es, wenn wir eine weitere Bibelstelle betrachten.
Markus 16,15:
„Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.“
Hier ist plötzlich nicht mehr allein vom Haus Israel die Rede.
Hier geht es um die ganze Welt.
Dasselbe Prinzip begegnet uns im Missionsauftrag des Matthäusevangeliums, Kapitel 28, Vers 19, wo die Jünger zu allen Völkern gesandt werden.
Die besondere Sendung an Israel steht also nicht im Widerspruch zur universellen Botschaft des Christentums.
Jesus zeigt vielmehr, dass besondere Verantwortung und allgemeine Menschenliebe miteinander vereinbar sind.
Man könnte es modern formulieren:
Jesus kannte eine besondere Verantwortung für sein Volk, ohne die Verantwortung für die übrige Menschheit aufzugeben.
Wann wird soziale Verantwortung zum Nationalismus?
Und damit sind wir wieder im Jahr 2011.
Wir wollten auf die zunehmende Gefahr der Verarmung aufmerksam machen.
Wir wollten, dass Menschen in Österreich ausreichend Einkommen, Wohnraum und soziale Sicherheit haben.
Ist das nationalistisch?
Nicht zwangsläufig.
Ein Staat trägt Verantwortung für die Menschen, die in ihm leben. Seine Regierung muss sich mit Armut, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und sozialer Ausgrenzung auseinandersetzen.
Das ist keine Erfindung des Nationalsozialismus.
Es gehört zu den grundlegenden Aufgaben eines Sozialstaates.
Problematisch wird es dort, wo aus der Verantwortung für die eigene Bevölkerung die Abwertung anderer Menschen entsteht.
Wo Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder Abstammung ausgeschlossen werden.
Wo aus sozialer Fürsorge eine Ideologie der angeblichen Überlegenheit des eigenen Volkes wird.
Genau dort liegt die Grenze.
Und diese Grenze sollte man nicht verwischen.
Armut kennt keine Nationalität
Als christlicher Seelsorger sehe ich die Sache ohnehin etwas anders.
Ein hungernder Mensch braucht Nahrung.
Ein obdachloser Mensch braucht ein Dach über dem Kopf.
Ein Kranker braucht Hilfe.
Ob dieser Mensch Österreicher, Bulgare, Syrer oder Ukrainer ist, ändert nichts an seiner Menschenwürde.
Aber daraus folgt nicht, dass wir uns nicht besonders um die Menschen kümmern dürfen, für die wir unmittelbar Verantwortung tragen.
Eine Gemeinde kümmert sich um ihre Gemeindemitglieder. Eine Stadt um ihre Einwohner. Ein Staat um seine Bevölkerung.
Und ein Christ sollte darüber hinaus niemals vergessen, dass auch der Fremde sein Nächster sein kann.
Genau das lehrt Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter.
Die falsche Gleichsetzung
Wer heute behauptet, dass bereits der Einsatz gegen die Verarmung der Bevölkerung eines Landes ein Kennzeichen nationalsozialistischer Gesinnung sei, macht einen grundlegenden Denkfehler.
Denn dann müsste man konsequenterweise auch die besondere Sendung Jesu an Israel unter denselben Verdacht stellen.
Und genau daran erkennt man, wie absurd eine solche pauschale Gleichsetzung wäre.
Natürlich war Jesus kein Nazi.
Ebenso wenig war er Mitglied einer kommunistischen Partei.
Er war Jesus Christus.
Und seine Botschaft war weder nationalsozialistisch noch kommunistisch, sondern eine Botschaft der Nächstenliebe.
Eine Nächstenliebe, die bei den Menschen beginnen kann, die uns unmittelbar anvertraut sind, die aber niemals an einer Staatsgrenze enden darf.
Was bleibt?
Vielleicht sollten wir endlich aufhören, Menschen allein deshalb in politische Schubladen zu stecken, weil sie sich gegen Armut im eigenen Land einsetzen.
Vielleicht sollten wir stattdessen fragen, was sie tatsächlich fordern, wen sie unterstützen und ob sie die Würde aller Menschen achten.
Denn eines sollte nach 2.000 Jahren christlicher Geschichte eigentlich selbstverständlich sein:
Wer sich für die Armen einsetzt, ist deshalb noch kein Kommunist.
Wer sich für die Bevölkerung seines Landes einsetzt, ist deshalb noch kein Nationalsozialist.
Und wer seinen Nächsten liebt, muss deshalb den Fremden nicht hassen.
Vielleicht wäre es an der Zeit, wieder mehr über die Bekämpfung der Armut zu sprechen als darüber, in welche politische Schublade wir diejenigen stecken, die sie bekämpfen wollen.
Hans-Georg Peitl – Ritter der schrägen Töne




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