Warum die Botschaft Jesu damals auf Widerstand stieß – und warum wir Christen heute möglicherweise vor demselben Problem stehen.
Gestern fragte mich jemand, liebe Freunde, warum ich eigentlich glaube, dass die Pharisäer die Lehre Jesu abgelehnt haben.
Und wenn ich ehrlich bin, dann lautet meine Antwort:
Weil sie für viele von ihnen neu war.
Nicht unbedingt deshalb, weil Jesus etwas verkündete, das Gott zuvor niemals gesagt hätte. Sondern weil seine Botschaft nicht mehr zu dem passte, was man über Jahrhunderte hinweg aus dem Glauben gemacht hatte.
Als aus Gottes Geboten Gesetzlichkeit wurde
Was war eigentlich geschehen?
Gott hatte dem Volk Israel Gebote gegeben. Gebote, die das Zusammenleben der Menschen ordnen, Gerechtigkeit ermöglichen und die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk gestalten sollten.
Doch im Laufe der Zeit entstanden immer weitere Auslegungen, Vorschriften und religiöse Traditionen.
Man wollte Gott gefallen. Man wollte nichts falsch machen. Man wollte die Gebote möglichst genau erfüllen.
Daran war zunächst nichts Verwerfliches.
Problematisch wurde es dort, wo die Einhaltung religiöser Vorschriften wichtiger wurde als der Mensch, dem diese Gebote eigentlich dienen sollten.
Wo Barmherzigkeit hinter Regeln zurücktrat. Wo die Liebe zum Nächsten von der Frage verdrängt wurde, ob jemand sämtliche religiösen Anforderungen erfüllte.
Genau das kritisierte Jesus.
In Markus 2,27 erklärte er:
„Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“
Damit stellte er nicht Gottes Gesetz infrage, sondern eine Auslegung, die dessen eigentlichen Sinn aus den Augen verloren hatte.
Denn die Nächstenliebe war keine Erfindung Jesu. Schon in 3. Mose 19,18 war sie ausdrücklich geboten.
Jesus erinnerte die Menschen also an etwas, das sie längst hätten wissen müssen.
Der Messias, den man erwartete – und doch nicht erkannte
Bereits im ersten Buch Mose, Kapitel 3, Vers 15, finden Christen einen frühen Hinweis auf den kommenden Erlöser.
Die Hoffnung auf den Messias durchzieht anschließend große Teile der alttestamentlichen Schriften.
Doch Erwartungen können gefährlich werden, wenn sie so festgelegt sind, dass man Gottes Handeln nur noch innerhalb der eigenen Vorstellungen akzeptieren möchte.
Jesus kam nicht als religiöser Funktionär, der jede bestehende Auslegung bestätigte.
Er heilte am Sabbat. Er wandte sich Sündern und Ausgestoßenen zu. Er stellte die Barmherzigkeit über religiöse Selbstdarstellung.
Und er verkündete das Reich Gottes.
Nicht alle Pharisäer lehnten ihn ab. Das Neue Testament berichtet durchaus auch von Menschen aus ihren Reihen, die sich ernsthaft mit seiner Botschaft auseinandersetzten.
Doch für manche religiösen Autoritäten wurde Jesus gerade deshalb zum Problem, weil er ihre Vorstellungen von Frömmigkeit und ihre Deutungshoheit infrage stellte.
In Johannes 8,44 findet sich schließlich eine seiner schärfsten Auseinandersetzungen, in der Jesus seinen Gegnern vorwirft, den Teufel zum Vater zu haben.
Das war keine beiläufige Kritik.
Es war die radikale Infragestellung eines Glaubens, der sich auf Gott berief, dessen Willen aber nach Jesu Urteil verfehlte.
Und was machen wir Christen heute?
Nun könnten wir uns zurücklehnen und sagen: Wie gut, dass wir heute weiter sind.
Aber sind wir das wirklich?
Ich fürchte, dass wir vielfach lediglich das andere Extrem erreicht haben.
Während manche religiösen Strömungen damals dazu neigten, die Rettung des Menschen an die Einhaltung immer weiterer Vorschriften zu knüpfen, hört man heute unter Christen gelegentlich eine ganz andere Vorstellung:
Jesus ist für unsere Sünden am Kreuz gestorben. Wir sind erlöst. Also brauchen wir eigentlich nur noch auf das ewige Leben zu warten.
Alles andere wird Gott schon erledigen.
Doch hat Jesus das wirklich gelehrt?
Hat er gesagt: Glaubt an mich, macht anschließend, was ihr wollt, und wartet auf meine Wiederkunft?
Nein.
In Markus 8,34 lesen wir:
„Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“
Das klingt nicht gerade nach einem bequemen Glauben, bei dem der Mensch keinerlei Verantwortung mehr trägt.
Jesus fordert Nachfolge.
Und Nachfolge bedeutet Bewegung. Veränderung. Verantwortung. Nächstenliebe.
Das Reich Gottes ist keine Nebensache
Besonders auffällig ist, womit Jesus seine öffentliche Verkündigung beginnt.
In Markus 1,15 heißt es:
„Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“
Das Reich Gottes steht im Mittelpunkt.
Natürlich gehört die Erlösung des Menschen zur christlichen Botschaft. Ohne Gottes Gnade wäre unser Glaube nicht denkbar.
Aber die Erlösung ist keine Einladung zur Gleichgültigkeit.
Sie eröffnet vielmehr die Möglichkeit, ein neues Leben zu führen und Gottes Willen zu tun.
Wir können das Reich Gottes nicht aus eigener Kraft erschaffen. Es ist Gottes Reich und steht unter seiner Herrschaft.
Aber wir sind aufgerufen, an seinem Wirken teilzuhaben.
Indem wir Hungernden helfen. Indem wir Menschen nicht ausgrenzen. Indem wir Frieden stiften, Gerechtigkeit suchen und unseren Nächsten lieben.
Nicht, um uns die Erlösung zu verdienen.
Sondern weil wir die Botschaft Jesu ernst nehmen.
Jakobus bringt es in Kapitel 2, Vers 17 auf den Punkt:
„So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.“
Würden wir Jesus heute überhaupt verstehen?
Und damit kommen wir zu einer unangenehmen Frage.
Was wäre, wenn Jesus heute durch unsere Straßen ginge und uns aufforderte, ihm nachzufolgen?
Würden wir seine Botschaft annehmen?
Oder würden wir ihm erklären, dass wir längst erlöst seien und deshalb nichts weiter tun müssten?
Würden wir uns über seine Forderung nach Nächstenliebe freuen?
Oder würden wir zunächst prüfen, ob der Mensch, dem wir helfen sollen, diese Hilfe überhaupt verdient hat?
Die Bibel beschreibt die Wiederkunft Jesu als ein Ereignis, das nicht einfach unbemerkt bleiben wird.
Aber seine Botschaft können wir schon heute übersehen.
Und vielleicht übersehen wir ihn sogar täglich.
In den Armen. In den Kranken. In den Obdachlosen. In den Menschen, die unsere Hilfe brauchen.
Denn in Matthäus 25,40 sagt Jesus:
„Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“
Wer das ernst nimmt, kann den christlichen Glauben nicht auf ein bloßes Bekenntnis reduzieren.
Zwei Irrwege – dasselbe Problem
Vielleicht ist das die eigentliche Tragik der Glaubensgeschichte.
Auf der einen Seite steht die Vorstellung, der Mensch könne sich durch Gesetzestreue selbst retten.
Auf der anderen Seite steht die Vorstellung, der Mensch brauche nach seiner Erlösung keinerlei Verantwortung mehr zu übernehmen.
Das eine macht den Glauben zur Leistung.
Das andere macht ihn zur bequemen Selbstverständlichkeit.
Beides verfehlt etwas Wesentliches.
Denn Jesus hat uns weder zur religiösen Selbstgerechtigkeit noch zur Gleichgültigkeit aufgerufen.
Er hat uns zur Nachfolge aufgerufen.
Und er hat uns gelehrt, um das Kommen des Reiches Gottes zu bitten:
„Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“
Nicht irgendwann vielleicht.
Sondern Gottes Wille soll bereits heute unser Leben bestimmen.
Weil sie neu war
Kehren wir also zu meiner ursprünglichen Frage zurück.
Warum wurde Jesus von manchen religiösen Autoritäten abgelehnt?
Vielleicht deshalb, weil seine Botschaft nicht zu dem passte, was man gewohnt war.
Weil sie vertraute Gewissheiten erschütterte.
Weil sie nicht nur Zustimmung verlangte, sondern Veränderung.
Und genau darin liegt auch unsere heutige Herausforderung.
Wir können die Bibel auswendig kennen, Gottesdienste besuchen, fromme Lieder singen und uns dennoch davor drücken, das zu tun, was Jesus von uns verlangt.
Vielleicht besteht unser größtes Glaubensproblem nicht darin, dass wir Jesus nicht kennen. Sondern darin, dass wir ihn so gut zu kennen glauben, dass wir ihm nicht mehr richtig zuhören.
Denn das Reich Gottes ist mehr als ein Versprechen für die Zukunft.
Es ist eine Einladung, schon heute nach Gottes Willen zu leben.
Und möglicherweise ist genau das die Botschaft, die uns auch nach zweitausend Jahren immer noch neu erscheint.
Hans-Georg Peitl
Ritter der schrägen Töne




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