Christlich. Philosophisch. Investigativ.
Ich sage Euch etwas, Freunde: Manchmal frage ich mich, ob die Kirchen überhaupt darüber nachdenken, was sie ihren Gläubigen jeden Sonntag zu beten geben.
Da werden Glaubensbekenntnisse gesprochen. Da wird das Vaterunser gebetet. Seit Jahrhunderten. Immer und immer wieder.
Aber hat sich eigentlich schon einmal jemand gefragt, was diese Worte bedeuten?
Denn wenn ich mir diese Gebete genauer ansehe, komme ich zu einem bemerkenswerten Ergebnis:
Die Gebete passen zu meinem Glauben. Nur die Institution Kirche passt für mich nicht dazu.
Ich glaube an Gott, den Vater
Beginnen wir mit dem Apostolischen Glaubensbekenntnis:
„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn.“
Moment einmal!
Da steht zunächst Gott, der Vater. Und dann kommt Jesus Christus, sein Sohn.
Zwei unterschiedliche Bezeichnungen. Zwei unterschiedliche Personen.
Für mich ist die Sache klar: Gott ist Gott. Jesus ist sein Sohn, der verheißene Messias.
Die Kirchen erklären uns dagegen die Dreieinigkeit. Vater, Sohn und Heiliger Geist seien drei Personen eines göttlichen Wesens.
Das ist ihre theologische Auslegung. Aber ist es tatsächlich die einzige Möglichkeit, diese Worte zu verstehen?
Ich lese zunächst einmal das, was dort steht.
Und ich frage mich, weshalb aus einem Glaubensbekenntnis, das zwischen Gott und seinem Sohn unterscheidet, eine komplizierte dogmatische Lehrkonstruktion werden musste.
Dein Reich komme – aber welches Reich?
Noch interessanter wird es beim Vaterunser.
„Vater unser im Himmel! Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“
Matthäus 6,9–10.
Freunde, lest Euch diese Worte einmal ganz langsam durch.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe. Wie im Himmel, so auf Erden.
Da steht nichts davon, dass wir zuerst eine mächtige religiöse Institution aufbauen sollen.
Da steht auch nichts davon, dass Gottes Reich mit einem Kirchengebäude identisch wäre.
Jesus fordert seine Nachfolger vielmehr auf, um die Verwirklichung des göttlichen Willens auf Erden zu bitten.
Und genau das ist mein Glaubensziel.
Ich trachte nach Gottes Reich.
Nicht nach dem Reich eines Papstes. Nicht nach dem Reich eines Patriarchen. Nicht nach dem Reich irgendeiner Kirchenverwaltung.
Sondern nach Gottes Reich.
Braucht Gott überhaupt eine Kirche?
In Apostelgeschichte 17,24 lesen wir:
„Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, […] wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind.“
Das ist doch eine bemerkenswerte Aussage.
Gott ist der Schöpfer des Himmels und der Erde. Warum sollte er darauf angewiesen sein, dass Menschen ihm Gebäude errichten und Verwaltungen schaffen?
Wenn mich jemand fragt, wann ich das nächste Mal in die Kirche gehe, antworte ich deshalb:
„Wieso? Ich bin doch schon drin. Meine Kirche ist rund und dreht sich um die Sonne.“
Denn ich sehe Gottes Schöpfung nicht als etwas, das außerhalb des Glaubens steht.
Ich lebe mitten in ihr.
Natürlich können Menschen gemeinsam beten, die Bibel studieren und einander helfen. Dagegen habe ich nichts.
Aber weshalb sollte daraus eine Institution entstehen müssen, die für sich beansprucht, zwischen Gott und den Menschen zu stehen?
Wenn aus Gebeten Mantras werden
Und damit kommen wir zu meinem eigentlichen Problem.
Ich habe manchmal den Eindruck, dass viele Menschen ihre Gebete längst nicht mehr als Aufforderung zum Handeln verstehen.
Man spricht sie auswendig.
Man kennt jedes Wort.
Aber man fragt sich nicht mehr, welche Konsequenzen diese Worte für das eigene Leben haben müssten.
Jesus selbst warnt in Matthäus 6,7 vor gedankenlosem, wortreichem Beten.
Und in Lukas 6,46 fragt er:
„Was nennt ihr mich aber Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?“
Genau das ist doch die entscheidende Frage.
Was nützt es, jeden Sonntag um Gottes Willen auf Erden zu bitten, wenn man sich anschließend nicht darum bemüht, diesen Willen zu verwirklichen?
Was nützt es, Nächstenliebe zu predigen, wenn man Menschen in Not übersieht?
Und was nützt es, Kindern christliche Werte beizubringen, wenn man diese Werte im eigenen Leben missachtet?
Meine Erfahrungen mit der Kirche
Ich habe als Kind erlebt, wie groß der Unterschied zwischen religiösem Bekenntnis und tatsächlichem Handeln sein kann.
Mein Vater hielt Kindergottesdienste.
Zu Hause erlebte ich dagegen Gewalt gegen meine Mutter und gegen mich selbst.
Wenn ich fragte, weshalb er meine Mutter ins Badezimmer einsperrte, bekam ich mitunter eine Ohrfeige, die so heftig war, dass meine Brille durch die Küche flog.
Und trotzdem sollte ich mit ihm in die Kirche gehen.
Niemand dort fragte mich, wie es mir ging.
Diese Erfahrungen haben mein Verhältnis zur institutionellen Kirche nachhaltig geprägt.
Nicht aber meinen Glauben an Gott.
Denn ich habe gelernt, zwischen dem zu unterscheiden, was Menschen über Gott erzählen, und dem, was die Bibel tatsächlich von ihnen verlangt.
An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen
Jesus sagt in Matthäus 7,16:
„An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“
Nicht an ihren Titeln.
Nicht an ihren Kirchengebäuden.
Nicht an ihren Gewändern.
Und auch nicht daran, wie oft sie das Vaterunser sprechen.
Sondern an ihren Taten.
Der Jakobusbrief formuliert es ebenso deutlich:
„So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber.“ (Jakobus 2,17)
Für mich ist das eine der wichtigsten Aussagen des Neuen Testaments.
Denn sie macht deutlich, dass Glauben nicht nur aus Worten bestehen kann.
Wer von Nächstenliebe spricht, muss bereit sein, seinen Mitmenschen zu helfen.
Wer Gerechtigkeit predigt, muss sich auch gegen Ungerechtigkeit stellen.
Und wer um das Reich Gottes bittet, sollte sich fragen, was er selbst dazu beitragen kann, dass Gottes Wille auf Erden geschieht.
Die Kirche ist nicht das Reich Gottes
Damit komme ich zu meiner eigentlichen Überzeugung.
Ich glaube an Gott, den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Ich glaube an Jesus Christus, seinen Sohn und unseren Herrn.
Und ich glaube, dass wir nach Gottes Reich trachten sollen.
Aber ich glaube nicht, dass eine kirchliche Institution automatisch dieses Reich verkörpert.
Im Gegenteil: Ich sehe die Gefahr, dass religiöse Organisationen Menschen vom eigentlichen Ziel ablenken können, wenn sie ihre eigenen Machtansprüche über Gottes Willen stellen.
Jesus selbst kritisierte religiöse Autoritäten, die anderen Menschen den Zugang zum Himmelreich erschwerten.
In Matthäus 23,13 wirft er ihnen vor, das Himmelreich vor den Menschen zu verschließen.
Das sollte jeder religiösen Institution zu denken geben.
Denn wer im Namen Gottes auftritt, trägt eine besondere Verantwortung.
Meine Frage an die Kirchen
Und deshalb möchte ich den Kirchen heute eine ganz einfache Frage stellen:
Glaubt Ihr eigentlich, was Ihr betet?
Wenn Ihr sprecht: „Dein Reich komme“, welches Reich meint Ihr dann?
Wenn Ihr betet: „Dein Wille geschehe“, seid Ihr auch bereit, Euer eigenes Handeln daran zu messen?
Und wenn Ihr Jesus Christus als Euren Herrn bezeichnet, weshalb sollte dann die Autorität einer menschlichen Organisation wichtiger sein als seine Lehre?
Ich brauche keine Kirche, um an Gott zu glauben.
Ich brauche keine Kirchenverwaltung, um die Bibel zu lesen.
Und ich brauche keine religiösen Titel, um nach Gottes Reich zu trachten.
Was ich brauche, ist die Bereitschaft, Gottes Willen zu erkennen und danach zu handeln.
Denn das Reich Gottes entsteht nicht dadurch, dass Menschen Gebete wiederholen, sondern indem sie deren Inhalt ernst nehmen.
Vielleicht sollten wir also weniger darüber diskutieren, wer zur richtigen Kirche gehört.
Und mehr darüber, wer tatsächlich nach Gottes Willen handelt.
Was meint Ihr, Freunde?
Hat die Kirche ihre eigenen Gebete verstanden? Oder sind diese längst zu Formeln geworden, deren eigentliche Bedeutung im religiösen Alltag verloren geht?




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