Es gibt Bibelstellen, die man schon oft gelesen hat und deren eigentliche Brisanz einem erst später bewusst wird. Eine solche Stelle finden wir im Lukasevangelium.
Lukas 9,18–20
Jesus befindet sich im Gebet. Nicht vor einer Menschenmenge, sondern allein. Es ist ein persönliches Gespräch mit Gott. Schon dieser Umstand wirft eine wichtige Frage auf: Zu wem betet Jesus?
Wer davon ausgeht, dass Jesus selbst der allmächtige Gott gewesen wäre, muss erklären, warum Gott überhaupt beten sollte. Der Text zeigt jedenfalls, dass Jesus sich an den Vater wendet. Zwischen dem Betenden und dem, zu dem gebetet wird, besteht also ein Unterschied.
Doch unmittelbar danach stellt Jesus eine Frage, die mindestens ebenso spannend ist:
„Wer, sagen die Leute, dass ich sei?“
Die Antwort der Jünger überrascht.
Lukas 9,19:
„Sie antworteten und sprachen: Sie sagen, du seiest Johannes der Täufer; andere aber, du seiest Elia; andere aber, es sei einer der alten Propheten auferstanden.“
Diese Aussagen sollte man nicht vorschnell überlesen.
Die einen hielten Jesus für Johannes den Täufer. Das erscheint zunächst erstaunlich. Johannes und Jesus waren Zeitgenossen. Johannes hatte Jesus sogar getauft. Man sollte daher annehmen, dass es zahlreiche Menschen gab, die beide als unterschiedliche Personen kannten. Dennoch waren manche überzeugt, Jesus sei Johannes.
Andere hielten ihn für Elia. Das ist deshalb interessant, weil Elia nach der biblischen Überlieferung nicht gestorben, sondern von Gott hinweggenommen wurde. Seine Wiederkehr wurde erwartet.
Und wieder andere waren überzeugt, Jesus sei einer der alten Propheten, der zurückgekehrt sei. Genau an dieser Stelle stellt sich eine spannende Frage: Welche Vorstellungen hatten die Menschen damals eigentlich von einer Rückkehr Verstorbener?
Waren diese Menschen der Meinung, dass Verstorbene wieder unter den Lebenden erscheinen konnten? Und wenn ja, wie stellten sie sich das vor?
Der Bibeltext beantwortet diese Fragen nicht. Er berichtet lediglich, dass es Menschen gab, die Jesus tatsächlich für Johannes den Täufer, für Elia oder für einen der alten Propheten hielten. Allein diese Tatsache ist bemerkenswert und regt zum Nachdenken an.
Dann richtet Jesus dieselbe Frage an seine Jünger.
Lukas 9,20:
„Er aber sprach zu ihnen: Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei? Da antwortete Petrus und sprach: Du bist der Christus Gottes!“
Auch diese Antwort verdient Beachtung.
Petrus sagt nicht: „Du bist Gott“, sondern: „Du bist der Christus Gottes.“
Das Wort „Christus“ bedeutet „der Gesalbte“. Gemeint ist der von Gott eingesetzte Messias, der verheißene König, den Gott für sein Volk bestimmt hat.
Gerade deshalb lohnt es sich, diese wenigen Verse sorgfältig zu lesen. Sie zeigen einerseits, welche unterschiedlichen Vorstellungen die Menschen über Jesus hatten. Andererseits machen sie deutlich, wie Petrus Jesus verstand.
Vielleicht liegt gerade darin eine wichtige Lektion. Die Bibel lädt uns immer wieder dazu ein, genau hinzusehen, Fragen zu stellen und den Text aufmerksam zu lesen. Denn oft sind es nur wenige Verse, die eine ganze Reihe neuer Gedanken eröffnen.
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