Ein Wunsch auf ein langes Leben

Da gibt es Bibelstellen, liebe Freunde, die ich im ersten Augenblick nicht verstehe. Eine davon finden wir im Epheserbrief, Kapitel 6, in den Versen 1 bis 3:

„Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in dem Herrn; denn das ist recht. ›Ehre deinen Vater und deine Mutter‹, das ist das erste Gebot, das eine Verheißung hat: ›auf dass dir’s wohlgehe und du lange lebest auf Erden.‹“

Jedes Mal, wenn ich diese Worte lese, wundere ich mich ein wenig.

Denn ausgerechnet Paulus erinnert die Menschen an die Verheißung eines langen Lebens. Derselbe Paulus schreibt an anderer Stelle, dass er eigentlich lieber aus diesem Leben scheiden und bei Christus sein würde.

Und so stellt sich mir die Frage:

Ist ein langes Leben überhaupt etwas, das ein Christ anstreben sollte?

Ich strebe nach dem ewigen Leben. Dieses Leben soll schöner sein als alles, was wir hier kennen. Dort soll es weder Leid noch Krankheit, weder Tränen noch Tod geben.

Wenn das Leben nach dem Tod aber besser und ewig ist, weshalb wünschen wir einem Menschen dann ein möglichst langes Leben auf dieser Erde?

Müssten wir ihm nicht vielmehr wünschen, dieses bessere Leben möglichst bald zu erreichen?

Ein solcher Gedanke klingt zunächst logisch. Doch er übersieht etwas Entscheidendes: Das gegenwärtige Leben ist nicht bloß ein unangenehmer Warteraum vor der Ewigkeit.

Es ist uns von Gott gegeben worden.

Paulus selbst beschreibt den scheinbaren Widerspruch im Philipperbrief:

„Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“

Kurz darauf erklärt er jedoch, dass es um der anderen Menschen willen notwendiger sei, am Leben zu bleiben.

Paulus sagt also nicht: Das irdische Leben ist wertlos und je früher es endet, desto besser.

Er sagt vielmehr:

Bei Christus zu sein ist Gewinn. Aber hier für andere Menschen da zu sein ist ein Auftrag.

Damit erhält auch der Wunsch nach einem langen Leben einen anderen Sinn.

Wir wünschen einem Menschen nicht deshalb ein langes Leben, weil wir ihm das ewige Leben möglichst lange vorenthalten möchten. Wir wünschen ihm Zeit, seine Aufgabe zu erfüllen.

Zeit, zu lieben.

Zeit, zu lernen.

Zeit, Fehler zu erkennen und umzukehren.

Zeit, anderen Menschen zu helfen.

Zeit, etwas aufzubauen, das auch nach seinem Tod noch Früchte trägt.

Ein langes Leben ist allerdings nicht automatisch ein gutes Leben. Viele Jahre können auch Krankheit, Einsamkeit und Leid bedeuten. Deshalb heißt es in der Verheißung nicht nur, dass der Mensch lange leben soll. Es heißt zuerst:

„Auf dass dir’s wohlgehe.“

Es geht also nicht ausschließlich um die Anzahl der Lebensjahre. Es geht um ein erfülltes und geordnetes Leben innerhalb einer Gemeinschaft, in der Eltern und Kinder einander achten und Generationen füreinander Verantwortung übernehmen.

Auch das ewige Leben gibt dem Menschen nicht das Recht, seinen Tod selbst herbeizuführen. Wer an Gott glaubt, vertraut ihm nicht nur die Ewigkeit an, sondern auch die Dauer seines gegenwärtigen Lebens.

Wir können den Zeitpunkt nicht eigenmächtig vorverlegen, nur weil wir glauben, am anderen Ufer warte etwas Schöneres auf uns. Der Weg zu Gott besteht nicht darin, das von ihm gegebene Leben wegzuwerfen. Er besteht darin, dieses Leben bis zum vorgesehenen Ende verantwortlich zu führen.

Der Tod bleibt in der Bibel ein Feind. Paulus nennt ihn sogar den „letzten Feind“. Durch die Hoffnung auf die Auferstehung verliert er zwar seine endgültige Macht. Er wird dadurch aber nicht zu einem Ziel, dem wir möglichst schnell entgegenlaufen sollen.

Darum ist der Wunsch nach einem langen Leben keineswegs sarkastisch.

Er bedeutet:

Mögest du all jene Tage erhalten, die Gott für deinen Weg vorgesehen hat. Möge es dir dabei wohlergehen. Und mögest du genügend Zeit haben, deine Aufgabe zu erkennen und dein Werk zu vollenden.

Das ewige Leben ist unsere Hoffnung.

Das gegenwärtige Leben aber ist unser Auftrag.

Und solange dieser Auftrag nicht erfüllt ist, ist jeder weitere Tag nicht nur Wartezeit, sondern eine neue Möglichkeit, Liebe sichtbar werden zu lassen.

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About OM-Pastor Hans-Georg Peitl

.) Herausgeber des Liberalen Boten .) ist Bundesvorsitzender der Plattform Obdachlose (PO) .) Präsident des Plattform Obdachlose - Presseclubs (POP) .) Seniorpastor der Living hands .) Rektor des Instituts Für Christliche Forschung (IFCF) Sitz: Haskovo/Bulgarien .) Autor zahlreicher Freimaurer-Bücher
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