Die Verfolgung begann nicht erst im Römischen Reich

Juden und Christen – eine Geschichte von Vertreibung, Glauben und Neubeginn

Liebe Freunde,

wenn wir heute über die Verfolgung von Menschen aufgrund ihres Glaubens sprechen, denken wir häufig an die Christenverfolgungen im Römischen Reich.

Doch eigentlich beginnt diese Geschichte schon viel früher.

Nämlich bereits im Alten Testament.

Und wenn man sich die Geschichte des jüdischen und des christlichen Glaubens genauer ansieht, stellt man etwas Erstaunliches fest:

Immer wieder werden Menschen verfolgt, vertrieben oder unterdrückt, weil sie einer bestimmten Glaubensgemeinschaft angehören.

Und immer wieder überlebt ihr Glaube.

Schon Mose musste sein Volk befreien

Denken wir nur an Mose.

Durch Josef war die Familie Israels nach Ägypten gekommen. Anfangs fanden die Israeliten dort Schutz und eine neue Heimat.

Doch die Zeiten änderten sich.

Ein neuer Pharao, der Josef nicht mehr kannte, kam an die Macht.

Und plötzlich wurden aus den Nachkommen jener Menschen, die einst willkommen gewesen waren, Unterdrückte.

Sie mussten Frondienste leisten und wurden wie Sklaven behandelt.

Nicht weil sie persönlich etwas verbrochen hatten.

Sondern weil sie zu einem bestimmten Volk gehörten.

Eine Gesellschaft erster und zweiter Klasse.

Und Gott berief Mose, sein Volk aus dieser Unterdrückung herauszuführen.

So berichtet es uns das zweite Buch Mose.

Saulus – vom Verfolger zum Verfolgten

Jahrhunderte später begegnen wir einem Mann namens Saulus.

Einem überzeugten Juden, der die neue Jesusbewegung zunächst für einen gefährlichen Irrweg hielt.

Und der deshalb begann, die Anhänger Jesu zu verfolgen.

Saulus war davon überzeugt, das Richtige zu tun.

Er glaubte, Gott zu dienen, indem er gegen Menschen vorging, deren Glauben er ablehnte.

Doch auf dem Weg nach Damaskus geschah etwas Entscheidendes.

Nach der Apostelgeschichte begegnete ihm der auferstandene Jesus.

Saulus verlor vorübergehend sein Augenlicht.

Und ausgerechnet dieser Mann, der Christen verfolgt hatte, wurde später als Paulus zu einem ihrer bedeutendsten Verkündiger.

Ist das nicht bemerkenswert?

Ein Verfolger wird zum Prediger.

Ein Gegner wird zum Mitarbeiter.

Und ein Mann, der zuvor Menschen wegen ihres Glaubens bekämpfte, muss schließlich selbst Verfolgung ertragen.

Aquila und Priszilla – vertrieben aus Rom

Besonders interessant wird die Geschichte in Apostelgeschichte 18.

Dort lesen wir:

Apostelgeschichte 18,1–3:

Danach verließ Paulus Athen und kam nach Korinth. Dort fand er einen Juden namens Aquila, der aus Pontus stammte. Er war mit seiner Frau Priszilla kürzlich aus Italien gekommen, weil Kaiser Klaudius angeordnet hatte, dass die Juden Rom verlassen sollten.

Paulus ging zu ihnen. Weil sie dasselbe Handwerk ausübten, blieb er bei ihnen und arbeitete mit ihnen. Sie waren nämlich Zeltmacher.

Was erfahren wir daraus?

Aquila und Priszilla hatten ihre Heimat verlassen müssen.

Nicht weil uns die Bibel von einem persönlichen Verbrechen der beiden berichtet.

Sondern weil Kaiser Claudius eine Ausweisung der Juden aus Rom angeordnet hatte.

Wieder wurden Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft vertrieben.

Und ausgerechnet bei diesen Vertriebenen fand Paulus Aufnahme.

Sie arbeiteten miteinander.

Sie lebten miteinander.

Und sie wurden zu wichtigen Mitarbeitern bei der Verbreitung des christlichen Glaubens.

Zwei Verfolgungen in einem Weltreich

Was mich an dieser Geschichte besonders beschäftigt:

Während die frühen Christen in Jerusalem Verfolgung erlebten, wurden Juden auch in Rom unter Druck gesetzt und vertrieben.

Und beide Städte gehörten zum selben Römischen Reich.

Natürlich waren die Ursachen nicht überall gleich.

In Jerusalem standen zunächst religiöse Auseinandersetzungen um Jesus und seine Anhänger im Vordergrund.

In Rom spielten dagegen politische Entscheidungen und Konflikte um die öffentliche Ordnung eine Rolle.

Auch dürfen wir nicht vergessen, dass die ersten Christen selbst Juden waren.

Judentum und Christentum waren damals noch viel enger miteinander verbunden, als es spätere Jahrhunderte vermuten lassen.

Gerade deshalb ist die Geschichte so interessant.

Menschen, die an denselben Gott glaubten und teilweise aus denselben religiösen Traditionen kamen, konnten selbst verfolgt werden oder andere verfolgen.

Der entscheidende Unterschied lag nicht einfach darin, welcher Religion jemand angehörte.

Sondern darin, wie Menschen mit anderen Überzeugungen umgingen.

Der Glaube wandert über den Balkan

Und nun geschieht etwas, das für uns hier in Bulgarien besonders interessant ist.

Paulus beschränkt seine Verkündigung nicht auf Jerusalem oder Rom.

Er reist durch verschiedene Provinzen des Römischen Reiches.

Er kommt nach Philippi, Thessalonich und Beröa.

Er wirkt in Korinth.

Er reist nach Ephesus.

Damit führt uns die frühe Geschichte des Christentums unmittelbar auf den Balkan.

Zwar lag Korinth im heutigen Griechenland, und das spätere Oströmische Reich existierte zur Zeit des Paulus noch nicht.

Aber die Gebiete des heutigen Griechenlands und Bulgariens gehörten zu jener größeren römischen Welt, in der sich das Christentum ausbreitete.

Die Geschichte des Christentums in Südosteuropa hat deshalb sehr frühe Wurzeln.

Und sie ist eng mit Reisen, Begegnungen und der Gründung neuer Gemeinden verbunden.

Aus Vertriebenen werden Glaubensboten

Vielleicht liegt genau darin eine der erstaunlichsten Entwicklungen der frühen Kirchengeschichte.

Menschen werden aus ihrer Heimat vertrieben.

Sie müssen ihre bisherigen Lebensverhältnisse aufgeben.

Sie verlieren ihre Sicherheit.

Und dennoch endet ihre Geschichte nicht mit der Vertreibung.

Aquila und Priszilla finden in Korinth eine neue Aufgabe.

Sie begegnen Paulus.

Sie werden seine Mitarbeiter.

Und sie tragen dazu bei, dass sich der christliche Glaube weiter verbreitet.

Eine Maßnahme, die Menschen aus Rom entfernen sollte, führte somit auch dazu, dass sich ihre Lebenswege mit der frühen christlichen Missionsbewegung verbanden.

Die Verfolgung hatte also nicht das letzte Wort.

Was bedeutet das für uns heute?

Liebe Freunde,

wir sollten aus diesen Geschichten nicht den falschen Schluss ziehen, dass Verfolgung etwas Gutes wäre.

Verfolgung bleibt Unrecht.

Vertreibung bleibt Unrecht.

Und Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Glaubens zu Bürgern zweiter Klasse zu machen, bleibt Unrecht.

Aber wir können daraus etwas anderes lernen.

Ein Mensch verliert durch Verfolgung nicht seine Würde.

Und ein Glaube wird nicht dadurch falsch, dass seine Anhänger unterdrückt werden.

Denken wir an Mose.

Denken wir an Paulus.

Denken wir an Aquila und Priszilla.

Immer wieder begegnen wir Menschen, deren Lebenswege durch Unterdrückung, Flucht oder Verfolgung verändert wurden.

Und immer wieder sehen wir, dass daraus neue Wege entstehen konnten.

Gott sieht nicht auf die Macht der Verfolger

Was mich persönlich an diesen Geschichten bewegt, ist die Frage, wie schnell Menschen davon überzeugt sein können, im Recht zu sein.

Der Pharao glaubte, über die Israeliten verfügen zu können.

Saulus glaubte zunächst, Gott durch die Verfolgung der Christen zu dienen.

Und Kaiser Claudius glaubte offenbar, durch die Ausweisung von Juden ein politisches Problem lösen zu können.

Doch die biblischen Geschichten zeigen uns etwas anderes.

Nicht die Macht des Herrschers entscheidet über den Wert eines Menschen.

Nicht die Mehrheit entscheidet darüber, wer vor Gott etwas wert ist.

Und schon gar nicht entscheidet die Zugehörigkeit zu einem Volk oder einer Glaubensgemeinschaft darüber, ob ein Mensch Würde besitzt.

Vielleicht sollten wir deshalb häufiger an das Gebot Jesu denken:

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Matthäus 22,39)

Nicht nur den Menschen, der genauso denkt wie wir.

Nicht nur den Menschen, der dieselbe Religion hat.

Sondern unseren Nächsten.

Und vielleicht ist das die wichtigste Botschaft, die uns die Geschichte von Mose, Paulus, Aquila und Priszilla heute noch mitgeben kann:

Verfolgung kann Menschen aus ihrer Heimat vertreiben. Aber sie kann ihnen nicht ihre Würde nehmen.

Und manchmal entstehen gerade dort neue Gemeinschaften, wo Menschen eigentlich zum Schweigen gebracht werden sollten.

Amen.

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About OM-Pastor Hans-Georg Peitl

.) Herausgeber des Liberalen Boten .) ist Bundesvorsitzender der Plattform Obdachlose (PO) .) Präsident des Plattform Obdachlose - Presseclubs (POP) .) Seniorpastor der Living hands .) Rektor des Instituts Für Christliche Forschung (IFCF) Sitz: Haskovo/Bulgarien .) Autor zahlreicher Freimaurer-Bücher
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