Eine unscheinbare Formulierung im Johannesevangelium lässt mich nicht los:
„Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.“
Johannes 19,16–18
Dass Jesus ungerecht verurteilt wurde, steht außer Frage. Selbst Pilatus erklärte wiederholt, dass er keine Schuld an ihm fand. Trotzdem gab er dem Druck nach und überantwortete Jesus zur Kreuzigung.
Jesus wusste daher, dass man ihn töten würde. Er wusste auch, dass dieses Urteil ungerecht war.
Dann geschah etwas Bemerkenswertes: Jesus trug sein Kreuz selbst und ging hinaus nach Golgatha.
Warum folgte er dieser Anweisung überhaupt?
Jesus erkannte das Urteil nicht als gerecht an
Zunächst müssen wir eines festhalten: Jesus trug das Kreuz nicht, weil Pilatus recht gehabt hätte. Er bestätigte damit weder die Anschuldigungen des Hohen Rates noch erkannte er das Todesurteil als gerecht an.
Ein ungerechtes Urteil wird nicht dadurch gerecht, dass sich der Verurteilte dagegen nicht körperlich wehrt.
Jesus hatte bereits während seines Verhörs deutlich gemacht, dass die irdische Gewalt des Pilatus nicht aus sich selbst heraus bestand:
„Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben her gegeben wäre.“
Johannes 19,11
Pilatus glaubte, über Leben und Tod Jesu entscheiden zu können. Jesus erinnerte ihn jedoch daran, dass seine Macht begrenzt und abgeleitet war.
Jesus trug das Kreuz daher nicht aus Anerkennung der menschlichen Richter. Sein Gehorsam galt nicht Pilatus und auch nicht dem Hohen Rat. Sein Gehorsam galt seinem Vater.
Niemand nahm ihm sein Leben
Bereits lange vor seiner Verhaftung hatte Jesus gesagt:
„Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selber.“
Johannes 10,18
Dieser Satz verändert den Blick auf den Weg nach Golgatha.
Äußerlich wurde Jesus gefangen genommen, verurteilt und zur Hinrichtungsstätte geführt. Äußerlich besaßen die Soldaten die Gewalt. Sie trugen Waffen, erteilten Befehle und zwangen Verurteilte, den Weg zur Kreuzigung anzutreten.
Johannes zeigt uns jedoch die andere Seite:
Jesus ging diesen Weg bewusst.
Die Menschen konnten ihn verurteilen, verspotten und schlagen. Sie konnten seinen Körper an ein Kreuz nageln. Aber sie konnten ihm nicht die Entscheidung nehmen, den Auftrag seines Vaters zu erfüllen.
Bei seiner Gefangennahme hatte Jesus zu Petrus gesagt:
„Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?“
Johannes 18,11
Jesus ging nicht nach Golgatha, weil Pilatus stärker gewesen wäre als er. Er ging, weil er den Kelch annahm, den ihm sein Vater gegeben hatte.
Trug Jesus oder Simon von Kyrene das Kreuz?
Johannes schreibt ausdrücklich, dass Jesus sein Kreuz selbst trug. Matthäus, Markus und Lukas berichten dagegen, dass Simon von Kyrene gezwungen wurde, das Kreuz zu tragen.
Darin muss kein Widerspruch liegen.
Jesus dürfte den Weg zunächst selbst angetreten haben. Nachdem er bereits misshandelt, ausgepeitscht und mit einer Dornenkrone gequält worden war, reichten seine körperlichen Kräfte offenbar nicht mehr aus. Daraufhin zwangen die Soldaten Simon von Kyrene, den Kreuzbalken weiterzutragen.
Johannes richtet unseren Blick auf den Beginn und die tiefere Bedeutung dieses Weges:
Jesus trug selber das Kreuz und ging hinaus.
Jesus musste nicht erst innerlich überwunden werden. Er begann den Weg selbst. Simon wurde später gezwungen, ihm die Last abzunehmen.
Damit stehen beide Berichte nebeneinander: Jesus nahm das Kreuz freiwillig an, während Simon zum Mittragen gezwungen wurde.
Die zusätzliche Erniedrigung
Ein zum Kreuzestod Verurteilter musste gewöhnlich zumindest den Querbalken seines Kreuzes selbst zur Hinrichtungsstätte tragen. Das war nicht bloß ein Transportmittel, sondern Teil der öffentlichen Demütigung.
Der Verurteilte wurde durch die Straßen geführt. Die Menschen sollten sehen, was mit jemandem geschah, der sich nach Auffassung Roms gegen die bestehende Ordnung gestellt hatte.
Das Kreuz war daher bereits vor der eigentlichen Hinrichtung ein Zeichen:
Dieser Mensch besitzt keine Macht mehr. Rom hat über ihn gesiegt.
Doch bei Jesus kehrt sich dieses Zeichen um.
Die Soldaten glaubten, sie würden einen besiegten Menschen durch die Straßen führen. Tatsächlich trug Jesus das Zeichen ihres Unrechts bewusst bis an jenen Ort, an dem sich zeigen sollte, dass der Tod nicht das letzte Wort besitzt.
Sie wollten seine Ohnmacht vorführen. Jesus machte aus ihrem Hinrichtungswerkzeug ein Zeichen seines Gehorsams gegenüber Gott.
Warum ging Jesus aus der Stadt hinaus?
Jesus wurde nicht irgendwo hingerichtet. Er ging hinaus nach Golgatha, außerhalb des geschützten Bereiches der Stadt.
Der Hebräerbrief greift diesen Gedanken später ausdrücklich auf:
„Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.“
Hebräer 13,12
Jesus starb draußen.
Er starb an jenem Ort, an den man Verurteilte, Ausgestoßene und Unerwünschte brachte. Die religiösen und politischen Machthaber entfernten ihn aus ihrer Mitte.
Gerade dort erfüllte er seinen Auftrag.
Jesus blieb nicht innerhalb des anerkannten religiösen Systems. Er ging hinaus zu jenen, die keinen Platz mehr darin hatten. Er teilte das Schicksal der Verurteilten und starb zwischen zwei anderen Gekreuzigten.
Er, der ohne Schuld war, ließ sich mitten unter die Schuldigen stellen.
Hätte Jesus sich weigern können?
Natürlich hätte eine Weigerung das Todesurteil nicht aufgehoben. Die römischen Soldaten hätten ihn vermutlich geschlagen, geschleift oder einen anderen Menschen gezwungen, das Kreuz zu tragen.
Aber genau deshalb ist die Formulierung des Johannes so bedeutend:
Er trug selber das Kreuz und ging hinaus.
Jesus wartete nicht darauf, dass man ihn innerlich zerbrach. Er ließ sich nicht von Hass, Angst oder Verzweiflung bestimmen. Obwohl andere über seinen Körper verfügten, behielt er die Herrschaft über seine Entscheidung.
Er sagte damit nicht:
Euer Urteil ist richtig.
Sein Handeln sagte vielmehr:
Euer Unrecht wird mich nicht daran hindern, den Willen meines Vaters zu erfüllen.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Man kann sich einem Unrecht ausliefern müssen, ohne es anzuerkennen. Man kann äußerlich einen Weg gehen, zu dem andere einen zwingen wollen, und dennoch innerlich einem vollkommen anderen Auftrag folgen.
Pilatus meinte, Jesus zur Hinrichtungsstätte zu schicken. Der Hohe Rat glaubte, einen unbequemen Menschen beseitigt zu haben. Die Soldaten meinten, einen Verurteilten vorzuführen.
Doch Jesus ging nach Golgatha, weil dort sein eigener Auftrag vollendet werden sollte.
Das Kreuz bestimmte nicht seinen Weg
Normalerweise bestimmt das Kreuz das Schicksal des Verurteilten. Bei Jesus war es umgekehrt: Jesus nahm das Kreuz in seinen Weg auf.
Nicht das Kreuz entschied, wer Jesus war. Jesus gab dem Kreuz seine Bedeutung.
Aus einem Werkzeug der Erniedrigung wurde ein Zeichen der Treue. Aus einem Zeichen römischer Herrschaft wurde ein Zeichen dafür, dass selbst die größte menschliche Gewalt Gottes Vorhaben nicht aufhalten kann.
Jesus trug sein Kreuz nicht aus Gehorsam gegenüber einem ungerechten Gericht.
Er trug es, weil selbst ein ungerechtes Urteil ihn nicht davon abbringen konnte, seinem Vater gehorsam zu bleiben.
Die Soldaten glaubten, sie führten Jesus nach Golgatha.
Johannes zeigt uns jedoch:
Jesus ging selbst.
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